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Full text of "Beitrag zur vergleichenden Rassen-Psychiatrie"

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BEITRAG 



ZUR 



VERGLEICHENDEN 
RASSEN - PSYCHIATRIE 



VON 



DOZENT Dr. ALEXANDER PILCZ 

SUPPL. VORSTAND DER K. K. I. PSYCHIATR. UNIVERSITÄTSKLINIK 
IN WIEN. 



LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEUTICKE. 

1906. 



Verlags-Nr. 1202. 



VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN. 



1004 und 1905 sind neu erschienen : 

Alt, Doz. Dr. Ferd., Über Melodientaubheit und musikalisches Falschhören. Preis M.- 
Arbeiten aus dem Neurologischen Institute (Institut für Anatomie und Pkysio op 
des Zentralnervensystems) an der Wiener Universität. Herausgegeben von ^j 
Dr. Heinrich Obersteiner. Bd. X— XII. Preis pro Band M. to. 

(Bd. I — X auf einmal bezogen statt M. 175.— nur M. 135. — .) 
Bottazzi, Prof. Dr. Ph., Physiologische Chemie für Studierende und Ärzte. Deu ' s ^ 

von Prof. Dr. H. Borutt"au. Zwei Bände. Preis pro Band M. »• 

Breus, Prof. Dr. C. und Kolisko, Prof. Dr. A., Die pathologischen ßeckenformen 
I. Band. 2. Teil: Riesenbecken, Ebachitisbecken und Dimensional-Anomalien. Jmi 
100 Abbildungen im Text. Prels M - . .. 

(Früher erschienen: I. Band: 1. Teil : Allgemeines, Mißbildungs-. ~ BS1 ™_ 
tions- und Zwergbecken. Mit 116 Abbildungen im Text. Preis M. • 

III. Band. I. Teil: Spondylolisthesis-, Kyphosen-, Skoliosen- und Kypboskoliosen-Becken. 
Mit 90 Abbildungen im Text. Preis M. 14.—.) 
Büdinger, Dr. K., Die Einwilligung zu ärztlichen Eingriffen. P reis M 2 -~ 

Chiari, Prof. Dr. O., Die Krankheiten der oberen Luftwege. HI. Teil: Die Krank- 
heiten des Kehlkopfes und der Luftröhre. Mit 205 Abbildungen. Preis M. lü. 

(Früher erschienen: I. Teil: Die Krankheiten der Nase. Mit 37 Abbildun- 
gen. Preis M. 7.—. II. Teil : Die Krankheiten des Rachens Mit 118 Abbildungen 
und einer Tafel. Preis M. 8. — .) 
Czerny, Prof. Dr. Ad. und Keller, Doc. Dr. A., Des Kindes Ernährung, Ernährungs- 
störungen und Ernährungstherapie. Ein Handbuch für Arzte. I. Band. Mit 
60 Abbildungen im Text und 15 Tafeln. Preis M - - j4 ~" 

Finger, Prof Dr. E., Die Blennorhöe der Sexualorgane und ihre Komplikationen. 
Mit 36 Abbildungen im Text und 10 lithogr. Tafeln. Sechste, wesentlich vermehrte 
und verbesserte Auflage. Preis M. \2,. 

Fließ, Wilhelm, Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie. 

Preis M. 18.— 

Freud, Prof. Dr. S., Drei Abhandlungen zur Sexualthenrie. (Die sexuellen Abirrun- 
gen. — Die infantile Sexualität. — Die Umgestaltungen der Pubertät.) Preis M. 2.— 

Frey, Dr. H, Über die spezifische Behandlung der Tuberkulose. (Tuberkulin- und 
Serumtherapie). Preis M. —.80 

Frühwald, Prof. Dr. Ferd., Kompendium der Kinderkrankheiten. Ein praktisches 
Nachschlagebuch für Studierende und Ärzte. Mit 165 Abbildungen. Preis M. 12 — 

Fuchs, Dr. Alfred, Die Messung der Pupillengröße und Zeitbestimmung der 
Lichtreaktion der Pupillen bei einzelnen Psychosen und Nervenkrankheiten. 
Mit 14 Abbildungen im Text und Tafeln. Preis M. 5.— 

Fuchs, Prof. Dr. Ernst, Lehrbuch der Augenheilkunde. Mit 347 Abbildungen. 
Zehnte, vermehrte Auflage. Preis M. 14. — 

Fürth, Dr. E., Die rationelle Ernährung in Krankenanstalten und Erholungsheimen. 
Mit 3 lithogr. Tafeln. Preis er. M. 3.— 

Grassberger, Doz. Dr. R. und Schattenfrob, Prof. Dr. A., Über das Rausehbrand- 
gift und ein antitoxisches Serum. Mit einem Anhang „Die Rauschbrand-Schutz- 
impfung". Preis M. 3. — 

Grassberger, Doz. Dr. R. und Schattenfroh, Prof. Dr. A., Über die Beziehungen 
von Toxin und Antitoxin. Preis M. 3.— 

Hochsinger, Dr. Karl, Studien über die hereditäre Syphilis. IL Teil: Knochen- 
erkrankungen und Bewegungsstörungen bei der angeborenen Frühsyphilis. Mit 69 Ab- 
bildungen im Text und 9 lithogr. Tafeln. Preis M. 25.— 
(Früher erschienen: I. Teil: Über das Collessche Gesetz und den Choc en 
retour bei_ der hereditären Syphilis. — Die diffuse hereditär-syphilitische Hautintiltration 
der Säuglinge. — Über diffuse viscerale Manifestationsformen der hereditären Früh- 
syphilis. Mit 9 Abbildungen im Text und 4 lithographischen Tafeln. Preis M. 12.—.) 

Hofmeier, Prof. Dr. M, Grundriß der gynäkologischen Operationen. Mit 234 Ab- 
bildungen im Text und 2 Tafeln. Vierte, vollkommen umgearbeitete und vielfach 
vermehrte Auflage. p reis M . 1G __ 



BEITRAG 



ZUR 



VERGLEICHENDEN 
RASSEN -PSYCHIATRIE 



VON 



DOZENT Dr. ALEXANDER PILCZ 

SUPPL. VORSTAND DER K. K. I. PSYCHIATR. UNIVERSITÄTSKLINIK 
IN WIEN. 



LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEUTICKE. 

1906. 



Verlags-Nr. 1202. 






Vorrede. 



Das hohe Interesse, welches eine vergleichende Betrachtung der 
Geistesstörungen verschiedener Völkerschaften unleugbar beanspruchen 
darf, steht im auffallenden Gegensatze zu den recht spärlichen Studien 
über diesen Gegenstand. Der Hauptgrund dieses Mißverhältnisses zwischen 
der Wichtigkeit und der Bearbeitung dieses Themas mag wohl darin liegen, 
daß. wie erst unlängst Kraepelin 1 ) bemerkte, bei dem gegenwärtigen 
Stande unserer Kenntnisse, d. h. bei der vorwiegend symptomatologischen 
Betrachtungsweise und der Verschiedenheit der klinischen Auffassungen. 
derartige Untersuchungen nur, wenn von einem und demselben Beobachter an- 
gestellt, verwertbar sind. Dazu kommt noch die heillose Verwirrung in 
der Nomenklatur, für welche erst Beispiele anzuführen (man denke nur 
an die Bezeichnung Paranoia) wohl überflüssig ist. 

Es wäre ja gewiß sehr leicht, an die Bearbeitung- dieser Frage in 
der Weise heranzutreten, daß man z. B. einfach die in den Jahresberichten 
dor einzelnen Irrenanstalten enthaltenen statistischen Angaben bezüglich 
der Häufigkeit bestimmter psychiatrisch- klinischer Typen miteinander 
vergleicht, Berichte von Anstalten rein deutscher Bevölkerung mit solchen 
von Italien, Tiefungarn u. s. w. Die eingangs angedeuteten Erwägungen 
lassen ein derartiges Unternehmen wohl a priori als recht wenig wertvoll 
erscheinen. Nicht einmal Berichte aus einer und derselben Anstalt oder 
Klinik lassen sich ohne weiteres miteinander vergleichen. Man denke nur z. B. 
an die bekannten Niss Ischen 2 ) Ausführungen und an seinen Hinweis darauf, 
daß nach den Statistiken der Heidelberger Klinik vor 1890 in 138 / , nach 
18'J0 in l'5°/ Hysterie in der Diagnose zum Ausdruck gelangte. Aber 
auch nicht auf die Frage nach der Häufigkeit der Geistesstörungen überhaupt 
im Verhältnisse zur Gesamtbevölkerug geben derlei offizielle Statistiken 
völlig einwurfsfrei Antwort, da wir nicht erfahren, wie viele Geisteskranke 
sich außerhalb der Anstaltspflege befinden, ein Punkt der Irrenstatistik, 

') Kraepeliu, „Vergleichende Psychiatrie"- Zentralblatt für Nervenheilkundo und 
Psychiatrie 1904, Juli, p. 433. 

2 ) NirsI, Zentralblatt für Nervenheilkunde etc., 1902, p. 2. 



IV 

der naturgemäß je nach den sanitären Verhältnissen, der Kulturhöhe und 
zahlreicher anderer, rein äußerer sozialer Faktoren hei den einzelnen Staaten 
die weitgehendsten Verschiedenheiten aufweist. Nur nebenbei möchte ich 
erwähnen, daß das eben Gesagte selbstverständlich in desto höherem 
Maße zutrifft, je weiter die betreffenden Verhältnisse von europäischen 
Kulturbedingungen verschieden sind, daher der Wert positiver Zahlenangaben 
z. B. über die relative Frequenz der Psychosen unter den Hottentotten etc. 
wohl ganz illusorisch genannt werden darf. Lehrreich in dieser Hinsicht 
ist z. B., was den Steinen 1 ) über die Häufigkeit des Irreseins bei den 
Chinesen sagt: in Canton konnte er von einem Arzte, der jährlich über 
(5000 Patienten sah, nichts über Fälle von Geisteskrankheiten erfahren, 
während in Sidney z. B. in einem Jahre die Chinesen einen doppelt so 
großen Prozentsatz der Aufnahmen darstellten als die Weißen. 

Die Eigenart des Krankenmaterials unserer Klinik schien mir nun 
den Versuch einer vergleichenden Studie als nicht aussichtslos zu recht- 
fertigen. Die Größe der jährlichen Aufnahmsziffern, der Umstand, daß der 
Polyglottismus unserer Monarchie gerade in der Großstadt sich besonders 
widerspiegelt, vor allem die Tatsache, daß hier die oben erwähnte 
Kraepelinsche Forderung (einheitliche Beobachtung] erfüllt ist, ermu- 
tigten mich zu diesem Unternehmen um so mehr, als meine seinerzeitige 
kleine Studie ~) „Über Geistesstörungen bei den Juden" einige nicht un- 
interessante Tatsachen zu Tage gefördert hatte. 



') den Steinen, Archiv f. Psychiatrie, XIII, p. 287. Sitzungsbericht der Berliner 
Gesellschaft f. Psychiatrie etc. 1881. „Reisenotizen über einige Irrenanstalten in Australien 
und Asien.' - 

-) Pilcz. „Über Geistesstörungen bei den Juden" Wiener Klinische Rundschau 
1901, Nr. 47 ff. 



I. Teil. 

Das dieser Arbeit zu Grunde liegende Material umfaßt 2886 selbst be- 
obachtete Fälle, welche sich derart verteilen, daß ich zunächst sämtliche 1 ) 
Fälle, welche in der Zeit vom 1. Juni 1900 bis 1. Juli 1905 auf der 
Klinik zur Aufnahme gelangten, berücksichtigt habe. Bezüglich gewisser 
später zu erörternder Punkte der speziellen Nosologie und Prognostik 
griff ich aber außerdem auf frühere Jahrgänge zurück, um größere Zahlen 
zu erhalten, ebenso bezüglich einiger Völkerstämme, welche in den Jahren 
1900 — 1905 allein relativ zu schwach vertreten waren. Nachdem die 
einzelnen zu besprechenden Posten perzentual ausgerechnet sind, liegt in dieser 
zeitlich ungleichen Auswahl des zu vergleichenden Materials keine Fehlerquelle. 

Die folgenden Tabellen geben zunächst ein Bild von der Häufigkeit 
bestimmter psychiatrisch-nosologischer Typen bei den verschiedenen Völker- 
stämmen. Zunächst einige Worte über die Terminologie. Dieselbe deckt 
sieb zum größten Teile mit der des offiziellen österreichischen Schemas; 
doch mußten, dem heutigen Stande der klinischen Psychiatrie entsprechend, 
gewisse Abänderungen Platz greifen. Unter der offiziellen Diagnose 
„Schwachsinn" werden auch die Fälle von „Schwachsinn mit Gefühls- 
entartung" subsumiert. Derlei, gerade bei dem großstädtischen Material 
unserer Klinik leider nur zu zahlreiche Individuen, arbeitsscheue Vaganten, 
die sich durch simuliertes „Irrereden" oder Zweckräusche stets den 
Aufenthalt in der Anstalt zu erzwingen wissen, berüchtigte Raufbolde, 
Hochstapler, Prostituierte mit „Zuchthausknall" u. dgl., kurz alle die 
apathischen und erethischen Formen der sogenannten „Verbrechernaturen", 2 ) 
des uomo delinquente nato nach Lombroso, Fälle also, bei welchen 
sonstige psychopathische Züge ganz in den Hintergrund treten gegenüber 
der ethischen Defektuosität, wurden hier unter der Rubrik „Moral insa- 
nity" geführt. Die offizielle Bezeichung: „Dementia" (i.e. acquisita) wurde 
ganz fallen gelassen, und dafür die Kranken unter der entsprechenden Psy- 
chose gezählt: (Dem. senilis, Dem. praecox etc.), endlich auch unter der 



') Nicht berücksichtigt habe ich in dieser Studie die recht häußgen Fälle von „Blöd- 
sinn bei Herderkrankungen" (Nr. XIII der offiziellen österreichischen Statistik), als vom 
Standpunkte der RassenpS) chopathologie wohl ganz irrelevant, ferner gewisse seltenere 
Formen, wie Myxödempsychosen, Delirien bei inkompensierteu Herzfehlern, einfache 
Fieberdelirien, die zwar mit amtsärztlichem Parere zur Aufnahme kamen, aber als „sine morbo" 
entlassen wurden, u. dgl. Ferner mußten sehr zahlreiche Fälle hier ganz unberücksichtigt 
bleiben, bei welchen die Nationalität zweifelhaft war. 

2 ) v. Wagner, Wiener Klinische Wochenschrift, 1901, Nr. 30, p. 724: „Zur Reform 
des Irrenwesens. " 

Pilcz, Beiträge zur vergleichenden Ka98en-Psychiatrie. 1 



2 



Kolonne: „ Melancholie" 
oder „ Amentia", da ich, 
nach meinen Erfah- 
rungen, die Berechti- 
gung des Begriffes de 
sekundären Demenz als 
unglücklichen Ausgan- 
ges einer an sich heil- 
baren und als solcher 
zu diagnostizierenden 
akuten Geistesstörung 
energisch verfechten 
muß. (Vergleiche übri- 
gens die folgenden de- 
taillierteren Tabellen 
bezüglich genauerer 
Einzelheiten.) Unter 
der Rubrik „ Ne urasthe- 
nisches Irresein" sind 
die Fälle vieler psycho- 
pathischer Minderwer- 
tigkeiten zusammenge- 
tragen, die Phobien, 
Zwangsvorstellungen. 
etc. 

Ich habe nun, der 
Vollständigkeit halber, 
auch die Südslawen 
(Serben, Kroaten etc.), 
die Italiener, Rumänen 
und Griechen, welche 
bei uns zur Aufnahme 
gekommen waren, in 
den Tabellen mitauf- 
genommen. Angesichts 
der sehr geringen 
Anzahl aber bin ich 
außer stände, aus mei- 
nem eigenen Material 
für die letztgenannten 
Völkertypen verwert- 
bare Schlüsse abzu- 
leiten. Die folgenden Betrachtungen beziehen sich also vornehmlich auf die 













































































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(Tabu) Weibliche Geisfeskranke, (in %.) 








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Paranoia . 




























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Dem praeox. 




































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3 f Epilepsie 






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"5 1 Hysterie 










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Deutschen, Nordslawen (Tschechen. Polen etc.), Ungarn und Juden, wobei 
die relativ große Summe der Einzelbeobachtungen wohl eher iSchluß- 
folgerungen zuläßt. 

Vergleichen wir zunächst die Häufigkeit der einzelnen psychopatho- 
logischen Typen-) bei den vier letztgenannten Völkerstämmen (vide 
Tabellen III und IV), nach den Geschlechtern gesondert, so ergeben sich 
gewisse nicht uninteressante Differenzen. 



2 ) In Arbeiten, welche gleichfalls aus dieser Klinik hervorgegangen sind, berechnet 
Stransky die Fälle von Amentia mit i'l'/o des Gesamtmaterials der weiblichen Auf- 
nahmen, die Fälle von Dementia praecox mit ll"5°/ . Diese Differenzen gegenüber meinen 
hier angegebenen Zahlen erklären sich unschwer aus einer ganzen Reihe von Momenten, 
welche die Stranskyschen und meine Ziffern überhaupt nicht vergleichbar erscheinen lassen. 
Stransky hat einerseits sämtliche Aufnahmen berücksichtigt, während ich, wie oben erwähnt, 
von vielen Fällen absehen mußte, deren Nationalität nicht sichergestellt werden konnte, 
ferner z. B. die große Gruppe der „Psychosis e cerebropathia circumscripta" u. a. nicht 
mit in Rechnung gezogen habe. Anderseits ist Stransky bei der Auswahl der Fälle von 
Amentia so vorgegangen, daß er z. B. sämtliche Fälle, die unter dem Bilde des Delirium 
acutum verliefen, alle Todesfälle bei Amentiakranken überhaupt nicht mit aufgenommen 
hat, welche alle ich meinen Berechnungen mit zu Grunde legte. Stransky selbst bezeichnet 
ja seine für „Amentia" gewonnenen Zahlen als ein bei rigorosester Skepsis noch immer 
gefundenes Minimum. Meine Zahlen beziehen sich ferner auf einen größeren Zeitraum als 
die Stranskyschen. Endlich soll durchaus nicht verschwiegen werden — es läßt sich dies 
bei dem gegenwärtigen Stande unseres psychiatrischen Wissens nicht vermeiden — , 
daß bei vereinzelten Fällen auch subjektive Meinungsverschiedenheiten die Diagnose be- 
einflußten, da ich, als langjähriger Schüler v. Wagners, eben die Amentia viel weiter 
zu fassen gelernt habe als Stransky. Die Stranskyschen Arbeiten, auf welche hier angespielt 
ist. sind: „Zur Lehre von der Dementia praecox", Zentralblatt für Nervenheilkunde etc.. 
Nr. 168, 1904, und „Zur Lehre von der Amentia", Naturforscher- und Ärztekongreß, 1904, u. a. 

1* 



4 — 

Die Häufigkeitsskala (in absteigender Linie) ergibt : 

Männer. 
Bei den Deutschen: Progressive Paralyse, Alkoholismus. Para- 
noia, epileptisches Irresein. 

Bei den Nordslawen: Alkoholismus, progressive Paralyse, Para- 
noia, Dementia praecox. 

Bei den Ungarn: Progressive Paralyse, Alkoholismus, Paranoia, 
Amentia und Imbecillitas (gleich). 

Bei den Juden: Progressive Paralyse, Dementia praecox, Paranoia, 

Psychosis periodica. 

Weiber. 

Bei den Deutschen: Paranoia, Amentia, Dementia praecox, pro- 
gressive Paralyse. 

Bei den Nordslawen: Dementia praecox, Paranoia, progressive 
Paralyse, Amentia. 

Bei den Ungarn: Paranoia, progressive Paralyse, Amentia, Demen- 
tia praecox. 

Bei den Juden: Dementia praecox, Paranoia, progressive Paralyse 
und periodisches Irresein (gleich), Melancholie. 

Es beteiligen sich, der Häufigkeit nach, bei den einzelnen Formen : 

Männer. 

Progressive Paralyse. Ungarn, Juden, Deutsche, Nordslawen. 

Alkoholismus. Nordslawen, Deutsche, Ungarn. (Juden kommen 
überhaupt nicht in Betracht.) 

Dementia praecox. Juden, Nordslawen, Deutsche und Ungarn 
(annähernd gleich). 

Paranoia. Juden, Ungarn, Deutsche u. Nordslawen (annähernd gleich). 

Periodisches Irresein. Juden, Deutsche, Ungarn und Nordslawen 
(annähernd gleich). 

Amentia. Ungarn, Juden, Nordslawen, Deutsche (gleich). 

Weiber. 

Progressive Paralyse. Ungarn, Nordslawen, Deutsche und 
Juden (beiläufig gleich). 

Alkoholismus. Nordslawen, Ungarn und Deutsche (beiläufig gleich) 
Juden kommen nicht in Betracht. 

Dementia praecox. Juden, Nordslawen, Deutsche, Ungarn. 

Paranoia. Ungarn, Deutsche, Nordslawen, Juden. 

Periodisches Irresein. Juden, Deutsche, Nordslawen, Ungarn. 

Amentia. Deutsche, Ungarn, Nordslawen, Juden (an Frequenz weit 
zurückstehend). 

Ehe ich eine Epikrise dieser ganz allgemein gehaltenen Statistik 
gebe, ist es notwendig, auf gewisse Detailfragen einzugehen. 

Die Prognose der Melancholie gestaltete sich wie folgt: 



— 5 



I. Männliche Geisteskranke. 



Tabelle III. 





Deutsche 


Nordslawen 


Südalawen 


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Zahl | % 


Zahl | °/„ 


Zahl 


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Zahl | •/„ 




7 


10-22 


5 


1-765 


1 


1-82 


1 


0-81 


Imbecillitas ... 


19 


2-77 


10 


353 


4 


7-27 


8 


6-45 


„Moral insanity" 


38 


5 548| 


6 


2-118 


— 


— 


— 


— 


Melancholie . . 


6 


0-876 


7 


2-471 


— 


— 


— 


— 


Manie. .... 


1 


0-146 


2 


0706 


— 


— 


2 


1-61 


Amentia . . . 


23 


3.358 


10 


353 


5 


5-45 


8 


6-45 


Paranoia 


78 


11-388 


30 


10-59 


13 


23-63 


17 


1371 


Psychosis periodica . 


23 


3-358 


5 


1-76 


1 


1-82 


2 


1-61 


Dementia senilis . . 


26 


3-796 


10 


353 


1 


1-82 


7 


5-65 


„ paralytica . 


214 


31-24 


76 


26828 


17 


3091 


48 


38-71 


,, praecox . 


41 


5-98 


22 


7-766 


7 


12-73 


7 


565 


Psychosis c. epilepsia 


66 


9.636 


13 


4-589 


3 


5-45 


4 


323 


„ c. hysteria. 


3 


0-438 


1 


0-353 


— 


— 


1 


0-81 


„ c. neurasthenia 


8 


1.168 


— 


— 


1 


1-82 


1 


0-81 


Alkoholismus 


129 


18.83 


85 


30-005 


1 


1-82 


18 


14-52 


Kokain., Morphin, etc. 


• > 

685 


0438 


1 

283 

1 


0-353 


1 
55 


1-82 


124 





Italiener 



Zahll 






Rumänen 



Zahl 



Idiotie . 

Imbecillitas 

„Moral insanity" 

Melancholie . 

Manie . 

Amentia. . 

Paranoia . 

Psychosis periodica . 

Dementia senilis 

„ paralytica . 

„ praecox . 

Psychosis c. epilepsia 
,, c. hysteria 

_ c. neurasthenia 

Alkoholismus. . . . 

Kokain., Morphin, etc. 



3 
6 

2 

3 

11 

4 
i 3 

1 
4 

39" 






-1 


512 


1 


7-68 


— 


15-36 


2 


5.12 


— 


7-68 


— 


28-16 


5 


10-24 


] 


7-68 


— 


2-56 


— 


10-24 


2 




11 



Juden 



Zahl 



°/o 



7 

15 

3 

4 

1 

12 

40 

19 

5 

102 

52 

12 

4 
2 

2 



280 



25 
5-36 

1-07 

1-43 

0-36 

4-28 

14-28 

6-78 

1-79 

36-41 

18-56 

4-28 

1-43 
0-71 
0-71 



Griechen 



Zahl 



IL Weibliche Geisteskranke. 



Tabelle IV. 





Deutsche 


Nordslawen 


Südslawen 


Zahl, 


% 


Zahl 


% 


Zahl 


•'. 


Idiotie ... 


4 


0-83 


9 


086 


— 


— 


Imbecillitas . 


13 


2-7 


5 


2-15 


— 


— 


„Moral insanity" 


8 


1-66 


8 


3-43 


— 


— 


Melancholie . 


25 


5-19 


6 


2-58 


2 


6-66 


Manie 


1 


0-21 


4 


1-72 


1 


3 33 


Amentia 


80 


16-59 


28 


1202 


7 


23-33 


Paranoia . 


101 


20-95 


42 


1803 


8 


2666 


Psychosis periodica 


44 


913 


11 


4-72 


2 


6-66 


Dementia senilis. 


21 


4-36 


10 


4-29 


— 


— 


„ paralytica 


55 


11-41 


30 


12-88 


o 


999 


„ praecox . 


70 


14-52 


47 


20-17 


3 


9-99 


Psychosis c. epilepsia 


28 


5-81 


10 


4-29 


1 


333 


„ c. hysteria . 


19 


3-94 


15 


6-44 


3 


9-99 


c. neurasthenia 


2 


0-41 


1 


043 


— 


— 


Alkoholismus .... 


10 


2-07 


14 


6-01 


— 


— 


Morphinismus etc. . . . 

I 


— 




— 




— 




481 


233 


30 



Ungarn 


Italiener 


Rumänen 


Juden 


Zahl 


/o 


Zahl 


°/o 


Zahl % 


Zahl 


7. 


— 


• 


— 


— 


— 





4 


1-86 


8 


7-92 


— 


— 


— 


— 


7 


326 


2 


1-98 


1 


5 


— 


— 


17 


7-91 


1 


099 


— 


— 


— 


— 


4 


1-86 


13 


12-87 


8 


40 


1 


— 


12 


5-58 


22 


21-78 


4 


20 


— 


_. 


34 


15-81 


4 


3-96 


— 


— 


— 


— 


24 


11-16 


5 


4-95 


— 


— 


— 


— 


14 


6-51 


21 


20-79 


2 


10 


1 


— 


24 


1116 


11 


10-89 


1 


5 


— 


— 


52 


24-18 


4 


396 


2 


10 


— 


— 


6 


2-79 


7 


693 


1 


5 


— 


— 


9 


4-19 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


5 


234 


3 


2-97 


1 


5 


— 


— 


1 

2 


0-47 
0-93 


101 




20 

1 




2 




215 





Idiotie . . . 

Imbecillitas 

,. Moral insanity" 

Melancholie . . . 

Manie 

Amentia. . . 

Paranoia . . 

Psychosis periodica 
Dementia senilis . 
h paralytica . 
„ praecox . 

Psychosis c. epilepsia . 

„ c. hysteria . 

„ c. neurasthenia 
Alkoholismus. . . 
Morphinismus etc. . 



Tabelle V 



Melancholie. 

Männer. 



Heilung 



ohne 



mit 



Defekt 



Gestorben 



Sekundäre 
Demenz 



Katamnese 
fehlt 



5 = 50 
1=125 



1 = 10 



2: 
4: 



:20 
50 



2 = 20 

3 = 375 

1 



10 

8 
4 



Deutsche 

Nordslawen 

Juden 

Ungarn 









We i b e r 








17=53 


2 = 6-25 


6 = 1875 


7 = 18-75 


1*) 


33 


Deutsehe 


5 = 33 


5 = 33 


3 = 20 


2 = 13 


1 


16 


Nordslawen 


5=3175 


4 = 25 


1 = 6-25 


4 = 25 


3 


17 


Juden 


1 


1 




— 


— 


2 


Ungarn 



(Unter der Rubrik „Gestorben" wurden hier, wie in den folgenden 
Tabellen, diejenigen Fälle gezählt, welche ad exitum kamen, ohne daß sich 
das betreffende Zustandsbild geändert hatte. Patienten also, die an akuter 
Melancholie oder Amentia starben ohne Zeichen eines sekundären Zustandes.) 



Tabelle VI. 



Amentia. 
Männer. 





Heilung 


Gestorben 


Sekundäre 
Demenz 




§ g 

M 


Rezidive mit 


Ö _ 

O C 

— ' m 

d S 

O a> 


a 

s 

3 






ohne | mit 


jedes- 
maliger 
Heilung 


Ausgang 

in 
Demenz 




Defekt 




13(44-85) 
7 (35; 
3 

6 (37-5) 


3(10-35) 

1 (5) 

1 

1 (6-25) 


7(24-15) 

8 (40) 
o 

3(18-75) 


6 (20-7) 
4 (20) 
1 
3(18 75) 


5 

1 
3 


5(17-25) 


— 




29 

20 

S 

16 


Deutsche 

Nordslawen 

Ungarn 

Juden 




Weiber 




54 (44-7) 
19(35-15) 
5 
9(40-91; 


11 (9-09) 
5 (9-25) 
1 
4(18-18) 


15(12-39) 
10(18-52) 

3 (13-64) 


19(1569) 
9(16-65) 
1 
3(13-64) 


11 

10 
6 
3 


7(5-78) 


3 (2-48) 


1 

1 


121 
54 
13 

22 


Deutsche 

Nordslawen 

Ungarn 

Juden 



(Unter diesen Kranken befinden sich 14 Fälle von Delirium acutum, 
welche größtenteils letal verliefen; die übrigen Todesfälle betreffen soma- 

*) Die Fälle mit fehlender Katamnese wurden hier bei der Berechnung der Prozente 
nicht mitgezählt, wohl aber in den folgenden Detailtabellen, wo die Zahl derselben relativ 
größer genannt werden kann. 



— 8 



in 



tische Affektionen, welche gleichzeitig auch als ätiologischer Faktor der 
Amentia in Betracht kamen, wie Tuberkulose, Karzinom etc.) 

Die periodisch verlaufenden Geistesstörungen verteilten sich i 
folgender Weise: 

Tabelle VII. 

Periodische Geistesstörungen bei männlichen Kranken 



Deutsche 



Zahl 



/o 



Nordslawen 



Zahl 



/o 



Jude- n 



Zahl 



Ungarn 



Zahl °/ 



Psychosis circularis 

Periodische Manie 

„ Melancholie 

Sonstige periodische 
Psychosen (delirante 

Verworrenheitszu- 

stände, Dipsomanien 

etc. 



15 

7 



33 



45 45 

21-21 
2424 



9-09 



1 
6 
1 



15 



6-6 

399 

66 



46-6 



10 

7 
1 



21 



47-62 



4-76 



14-28 



Periodische Geistesstörungen bei weiblichen Kranken 



Zirkuläres Irresein 

Periodische Manie 

„ Melancholie 

Sonstige periodische 

Psychosen (delirante 

Verworrenheitszu- 

stände etc.) 



19 


35-91 


3 


19 9 


8 


33-28 


2 


13 


24-57 


l"7 

i 


46-6 


12 


49-92 


1 


15 


28-35 


2 


133 


2 


8-32 


1 


6 


11-34 


3 


199 


2 


832 




53 


15 


24 


4 



Von den Formen der Dementia praecox seien die Fälle mit kata- 
tonem Syniptomenkomplex gesondert betrachtet. 
Von folgenden Fällen waren 

Männer : 



dementia 
praecox 


Katatonie 


% 


bei den 


64 
27 

7 
62 


19 = 
6 = 
4 = 

15 = 


29-75 
22-2 
57-14 
24.17 


Deutschen 
Nordslawen 
Ungarn 
Juden 




Weiber: 




92 
59 

11 
54 


24 = 

17 = 

4 = 

32 = 


26 06 
28-73 
36-36 
592 


Deutschen 
Nordslawen 
Ungarn 
Juden 



9 — 



Im einzelnen war der Decursus morbi folgendermaßen : 
Tabelle VIII. Dementia paranoid., Hebephrenie. 



Deutsche 



Zahl 



10 



Nordslawen 



Ungarn 



Zahl 



lo 



Zahl 



lo 



Juden 



Zahl 



lo 



Männer 



Stationäre Demenz . . 
Remittier. Verlauf mit, 
Ausgang in Demenz 
Auffallende Remission 
Tod . . 

Katamnese feblt . 



30 



10 

2 



45 



66'6 

66 

22 2 

44 



17 

1 
3 



21 



70-92 

4-76 
14-28 



31 

6 
9 
1 



47 



6594 

1276 

1914 

213 



Weiber 



Stationäre Demenz 
Remittier. Verlauf mit 
Ausgang in Demenz 
Auffallende Remission 
Tod . . . 

Katamnese fehlt . . 



Tabelle IX. 



43 


6321 


35 


833 


6 




15 


8 


11-76 


2 


476 


— 




2 


13 


19-11 


3 


7-14 


1 




7 


2 


2-94 


1 


2-38 


— 




— 


2 


~| 


1 




— 




— 


1 68 


42 


7 


22 



68-18 

9-09 
31-82 



Katatonie. 





Deutsche 


Nordslawen 


Juden 


Ungarn 


Zahl 


lo 


Zahl | % 


Zahl ] % 


Zahl | % 


Männer 


Stationäre Demenz . . 


10 


52-63 


3 


49-9 


12 


79-9 


2 




Intermittierender Ver- 
lauf mit schließlicher 
Demenz 


1 


5-26 














Tod . ... 


4 


21-04 


— 


— 


— 




— 




Weitgehende, einer 
Heilung ähnelnde 
Remission 


4 


21-04 


3 


49-9 


o 
O 


19-9 


1 


1 


Katamnese fehlt . . 














1 




19 


6 


15 


4 



10 



Deutsche 



Zahl | % 



Nordslaven 



Zahl | »/„ 



Juden 



Zahl 



Ungarn 



Zahl | °/„ 



Weiber 



Stationäre Demenz. . 

Intermittierender Ver- 
lauf mit scbJiefJlicher 
Demenz . 

Tod 

Weitgehende, einer 
Heilung ähnelnde 
Remission 

Katamnese fehlt . 



15 


62-49 


9 


52-92 


22 


68-75 


2 


2 


8-3 


4 


23 52 


3 


9-38 


— 


— 


— 


— 


— 


1 


3-125 


— 


6 


24-9 


4 


23-52 


6 


18-75 


1 


1 












1 


24 


17 


32 


4 



D folgenden Tabellen zeigen die Verteilung der hauptsächlichsten 
Formen alkoholischer Psychosen bei den Deutschen. Nordslawen und Ungarn- 



Tabelle X. 



Alkoholische Psychosen. 



Deutsche 



Zahl 



/o 



Nordslawen 



Zahl 



0/ 



Ungarn 



Zahl 



Männer 



Delirium tremens. . 
Hallucinose . . . . 
Eifersuchtswahn . . 
Alcoholismus simplex 
Pathologischer Rausch . 
Korsakoff 



78 


57-6 


41 


34-4 


4 


19 


11-6 


18 


15-1 


1 


17 


104 


24 


20-2 


2 


29 


17-7 


23 


193 


11 


16 


9-8 


9 


76 


— 


4 


2-4 


4 


34 




163 


119 


18 



22-2 

55 

111 

61-1 



Weiber 



Delirium tremens . . . 
Hallucinose . . . 
Eifersuch tswahn 
Alcoholismus simplex . 
Pathologischer Rausch . 
Korsakoff . 



6 


40 


7 


36-8 


__ 


— 


— 


1 


53 


1 


2 


13-3 


3 


15-8 


1 


5 


33-3 


6 


31-6 


1 


2 


13-3 


1 


53 


— 


— 




1 


53 


— 


15 


19 


3 



(Unter Alcoholismus simplex wurden solche Fälle rubriziert, welche 
mit allgemeiner ethischer und intellektueller Depravation, wegen irgend 



11 — 

welcher Brutalität u. dgl. auf unsere Klinik kamen, ohne Delirien. 
Wahnideen od. dgl. ) 

Außer den hier angeführten Fällen von Korsakoffscher Psychose 
kamen an der Klinik zwei Fälle typischer polyneuritischer Geistesstörung 
nicht alkoholischer Genese zur Beobachtung, die, wegen der geringen 
Zahl, nicht weiter in den Tabellen berücksichtigt wurden. Der eine dieser 
Fälle ist von Raimann 1 ), der andere von Stransky 2 ) publiziert. 

Bei einer vergleichenden .Studie einer Rassenpsychopathologie dürfen 
vornehmlich folgende Punkte ein Interesse beanspruchen. Erstens ergeben sich 
einige statistisch zu beantwortende Fragen nach der relativen Häufigkeit der 
einzelnen uns bekannten nosologischen Typen, wobei gewisse aetiologische 
Momente uns interessieren, vor allem also die Frage nach der relativen 
Frequenz der sogenannten endo- und exogenen Psychosen. Ich stehe zwar, 
wie ich a. 0. gezeigt, 3 ) durchaus auf dem v. Wagnerschen 4 ) Standpunkte, 
daß wir uns darunter nicht vielleicht zwei toto coelo von einander ver- 
schiedene Haupttypen vorstellen dürfen, bezw. daß so manches heutzutage 
nur darum endogen heißt, weil uns der exogene Faktor derzeit unbekannt 
ist. Diese Terminologie bezeichnet aber jedenfalls in bequemer Weise 
Geistesstörungen, deren Eine wir vorzugsweise auf dem Boden einer 
eigenartigen vererbbaren angeborenen Disposition sich entwickeln sehen, 
die wir als die hereditär-degenerativen zusammenfassen können, während 
wir für Andere greifbare äußere Faktoren verantwortlich machen können, 
ohne daß dabei eben diese kongenitale degenerative Disposition eine 
Rolle zu spielen scheint. 

Eines Studiums wert sind ferner Fragen symptomatologischer Art. 
Ich möchte nun eine Epikrise der einzelnen statistischen Daten zu liefern 
versuchen. 

Idiotie und Imbezillität. 

Nachdem in der Ätiologie der angeborenen Defektzustände sowohl 
die hereditär-degenerative Disposition (Alkoholismus der Aszendenz etc.) 
wie zufällige Schädlichkeiten (Geburtstraumen, Infektionskrankheiten mit 
Encephalitiden u. dgl.) eine Rolle spielen, ist eine eventuelle Rassendispo- 
sition wohl a priori nicht zu erwarten. Immerhin verdient der Umstand 
Beachtung, daß die schwersten Formen der Entwicklungshemmungen. 

') Raimann, Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. 1902, XII. Bd., p. 329. 
,.Ein Fall von Cerebropathia psychica loxaemica etc." 

2 ) Stransky, Jahrbuch, für Psychiatrie etc., XXVI. Bd., p. 422. „Zur Lehre vom 
Korsakoffschen Symptomenkomplex. 

3 ) Pilcz und Wintersteiner, Zeitschrift für Augenheilkunde, XII, 749. „Über 
Ergebnisse von Augenspiegeluntersuchungen etc." 

4 ) v. Wagner, Wiener Klinische Wochenschrift 1904, Nr. 13. Diskussion. Wiener 
Verein für Psychiatrie und Neurologie 1904, 12. Jänner, und ibid. 1902. „Über erbliche 
Belastung." 



— 12 — 

die Fälle idiotischen Blödsinns, bei den Juden am häufigsten sind, obwohl 
einer der wichtigsten ursächlichen Faktoren der Idiotie, nämlich Alko- 
holismus in der Aszeudenz, gerade bei dieser Rasse wegfällt. Die 
Prävalenz der Ungarn bei der einfachen Imbezillität sei einfach notiert, 
wobei ich es dahingestellt lassen will, ob nicht Zufälligkeiten des Materials 
diesen Umstand bedingten. 

In klinisch-symptomatologischer Hinsicht kamen meist die erethisch- 
versatilen Formen zur Beobachtung ; es gilt dies von allen den hier 
studierten Völkerstämmen und liegt an äußeren Umständen, da ja das 
Idioten- und Imbezillenmaterial einer psychiatrischen Klinik selbstverständlich 
ein sehr einseitiges ist. Die apathisch-torpiden. i. e. harmlosen Formen 
finden sich ja meistens in den speziellen Anstalten oder in Familienpflege. 

Befremdend muß die bedeutende Prävalenz der Deutschen (männliche 
Fälle) in der Kolonne „Moralischer Schwachsinn" wirken. 

Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich dieses Ergebnis auf Rechnung 
des spezifisch großstädtischen Materials unserer Klinik setze. Die Großstadt 
ist ja einerseits der günstigste Nährboden für die Entwicklung derartiger 
Formen psychischer Anomalien; der hochentwickelte Stand der Rechts- 
pflege und äußere, hier nicht näher zu erörternde Momente bringen es 
anderseits mit sich, daß in der Großstadt derartige Individuen wohl 
leichter der psychiatrischen Expertise in foro criminali unterworfen werden, 
daß sie ferner leichter durch mehr minder geschickte Simulation sich eine 
temporäre Versorgung in einer Heilanstalt zu erzwingen vermögen, u. s. w. 

Daraus glaube ich den hohen Prozentsatz für die „Moral insanes'" 
überhaupt und — dem deutschen Charakter unserer Großstadt entsprechend 
— speziell für die Deutschen ableiten zu können. 

Von den klinischen Formen waren es meistens Vertreter der apa- 
thischen Typen der Moral insanity. Hochstapler, Gewohnheitsdiebe, vor 
allem aber arbeitsscheue Vaganten, die immer wieder — oft in der 
durchsichtigsten Weise — durch theatralische »Selbstmordversuche, „Irre- 
reden" im Hofburggebäude etc. ein Parere behufs Aufnahme zu erlangen 
wissen. Weniger häufig kamen die erethischen Formen (gewalttätige 
Raufbolde etc.) vor. 1 ) 

Bei den weiblichen Individuen (bei welchen die Kordslawen an 
erster Stelle rangieren) überwogen die erethischen Typen („pathologische" 
Affekte, ..Zuchthausknall" der Prostituierten etc.). Simulation, lediglich um 
in einer Heilanstalt versorgt zu werden, wurde bei den weiblichen Moral 
insanes viel seltener beobachtet und die wenigen Fälle letzterer Kategorie 
betrafen charakteristischerweise zumeist Individuen, denen Alter oder 



') Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die interessante und auch vom rassen- 
psychologischen Standpunkt aus wichtige Arbeit von Herz aufmerksam machen: „Die 
Kriminalität in den einzelnen österreichischen Kronländern etc." Monatsschrift für Kriminal- 
psychologie etc. 1905, I. Bd., p. 541. 



— 13 — 

Äußeres die Ausübung der Prostitution („das große Sicherheitsventil für 
die weibliche Kriminalität") unmöglich machte. (Bei all den zahl- 
reichen Fratres und Sorores nosocomiales war es stets so, daß die Be- 
treffenden wegen eines pathologischen Rauschzustandes oder irgend einer 
anderen psychischen Störung einmal in die Irrenanstalt eingeliefert 
worden waren und nun, nachdem sie den ersten Schrecken vor dem 
„Narrentura" überwunden, der Annehmlichkeiten einer modernen Heil- 
anstalt nicht mehr entbehren wollten.) 

Auffallend muß die geringe Häufigkeit derartiger Individuen bei den 
.luden genannt werden, wenn man sich vor Augen hält, daß die „Moral 
insanity" doch eine Äußerung des Entartungsirreseins ist, und sieht, daß 
zu derartigen Erkrankungen gerade die Juden besonders disponiert sind. 
Die spärlichen Fälle, welche der Kolonne I zu Grunde liegen, betrafen 
kriminelle; unter den zahlreichen arbeitsscheuen Simulanten war kein 
Jude. Bezüglich gewisser allgemeiner theoretischer Erwägungen über 
Frequenz der Kriminalität und Häufigkeit der uns in den Irrenanstalten 
entgegentretenden „Moral insanity" möchte ich auf meine seinerzeitige 
Arbeit „Über Geistesstörungen bei den Juden" verweisen. 1 ) 

Manie uiid Melancholie. 

Bannist er & Hectoen"), Spitzka 3 ), Buschan 1 ) und andere 
Autoren geben übereinstimmend an, daß die Germanen mehr als alle 
übrigen Rassen zur Melancholie disponiert sind. Nach Statistiken, welche 
z. B. Buschan zitiert, überwiegen bei den Germanen die Fälle von Melan- 
cholie über die Manien, während dies Verhältnis sonst (bei den Romanen, 
Slawen etc.) umgekehrt sei. Man muß sich nun freilich zunächst sagen, 
daß aus dem Überwiegen der Manien in den Anstaltsausweisen durchaus 
nicht auf eine wirkliche Prävalenz dieser Form über die Melancholien ohne 
weiteres geschlossen werden darf, da ein Maniacus eben eher anstaltsbedürftig 
wird und daher selbstverständlich auch bei relativ niedrigem Stande der 
öffentlichen Irrenfürsorge zur Kenntnis der Behörden gelangt. Aber gerade 
darum, weil sicher viel mehr Melancholien der offiziellen Statistik entgehen, 
ist ein Prädominieren dieser Form um so bemerkenswerter. Mit obigen 
Angaben stimmen auch die Daten der großen Selbstmordstatistiken, wonach 
die Germanen zum Suicide das grüßte Kontingent stellen (Morselli 5 ) etc.), 



J ) Pilcz. Annales niedicopsycholog-itmes. 1902. Janvier, „Surlespsyehoseschez les Juifs" 
2 )Bannister & Hectoen, American Journal of insanity, 1888, p. 455, „Race 
and insanity". 

3 ) Spitzka, Journal of nervous and mental diseases. 1880, p. 613, „Race and insanity". 

4 ) Busch an, Influenza delle razze sulle malattie nervöse e mentali. (Napoli 19U2, mit 
Vorwort von Nistici).) 

») Morselli, Der Selbstmord, 1881, (deutsch von Kurella); Literatur namentlich 
auch in der Arbeit des Verfassers: „Zur Lehre vom Selbstmord." Jahrbuch, für Psychiatrie 
etc. 1905, p. -29L 



— 14 — 

während Slawen und Ungarn erst nach den Eomanen kommen. Betrachtet 
man die allgemein gehaltenen Tabellen I und II, so bringen meine eigenen 
Zahlen keineswegs eine Bestätigung des eben Gesagten. Bei den weiblichen 
Melancholien kommen die Deutschen erst an zweiter Stelle (hinter den 
Juden); bei den männlichen stehen sie sogar hinter den Nordslawen und 
Juden zurück. Bezüglich der Manien werden allerdings die deutschen 
Patienten beiderlei Geschlechtes an Frequenz von allen übrigen übertroffen ; 
allein, im Gegensatz zu den Tabellen obzitierter Autoren, sind überhaupt 
ganz allgemein, mit Ausnahme der männlichen ungarischen Patienten, die 
Ziffern für die Manien viel niedriger als für die Melancholien, so daß bei 
allen Rassen demgemäß letztere über erstere prävalieren würde. Der Wider- 
spruch löst sich, meines Erachtens, wenn man bedenkt, daß die Diagnose 
der „Manie" als einer akuten genuinen Psychose heute viel seltener gestellt 
wird, und zwar in dem Maße, je mehr man sich davon überzeugte, daß 
die meisten Manien (namentlich die Hypomanien) nur Teilerscheinungen 
periodisch verlaufender Formen sind. 

Hält man sich nun meine Detailtabellen (VII) zur Gruppe der 
periodischen Psychosen vor Augen, dann ergibt sich sogleich folgendes : 
1. Die Depressionszustände überwiegen bei den Deutschen (beiderlei 
Geschlechtes) über die Exaltationszustände ; bei den Juden und Nordslawen 
ist dies umgekehrt ; 2. die Deutschen beiderlei Geschlechtes stehen, quoad 
Frequenz mit Nordslawen und Juden verglichen, bei depressiven Zustands- 
bildern an erster, bei manischen an letzter Stelle. (Über Selbstmord bei 
Juden und jüdischen Geisteskranken vide später.) 

Was die Prognose der echten (nicht periodischen oder zirkulären) 
Melancholie anbelangt, so ergeben die Tabellen V, 1 ) daß die Deutschen 
die größten, die Juden die geringsten Heilungschancen zeigten; die Nord- 
slawen stehen betreffs sanatio completa zwischen Deutschen und Juden; 
schwere sekundäre Verblödung findet sich, der Häufigkeit nach, in absteigender 
Linie bei den Juden, Deutschen und Nordslawen (weiblichen Individuen). 

Ich gewann ferner den Eindruck, daß die Fälle mit vorwiegend 
hypochondrischer Färbung bei den Juden häufiger seien, jene mit schweren 
Versündigungsideen bei den Slawen und Deutschen in gleicher Frequenz. 

Amentia. 

Die Tabellen I und II zeigen zunächst das bekannte Prävalieren des 
weiblichen Geschlechtes bei der Amentia. Bei den weiblichen Individuen 



') Von sämtlichen Fällen akuter und periodischer Psychosen, ebenso der Dementia 
praecox, sei betont, daß, wo dies nicht ausdrücklich bemerkt ist, die Katamnese bis zum 
Datum des Abschlusses dieser Arbeit (Herbst 1005) sich erstreckt. Daß mir das möglich 
war, verdanke ich sowohl der Liebenswürdigkeit des Kollegen Dr. Stransky, wie dem Ent- 
gegenkommen der Anstaltsdirektionen von Klosterneuburg, Kierling-Gugging, Mauer-Öhling, 
Dobtan, Brunn, Sternberg, Kulparkow. Feldhof, Niederhart, Engelsfeld, Leopoldsfeld, Klagen- 
furt, Laibach u. s. w., denen zu danken mir zur angenehmen Pflicht gereicht. 



— 15 — 

deutscher Stammeszugehörigkeit ist die Amentia die zweithäufigste Psychose, 
bei den Ungarn steht sie an dritter, bei den Nordslawen an vierter Stelle. 

Was gewisse Detailfragen anbelangt (Tab. VI), so gestaltet sich die 
Prognose bei den Deutschen am besten, bei den Nordslaweu am ungünstigsten, 
wie die Zahlen für „Heilung ohne Defekt" zeigen. Bei den Nordslawen sah 
ich öfters eigentümliche Fälle, welche ich am besten unter Amentia zu 
rubrizieren glaubte, die aber in ihrer nosologischen Auffassung strittig sein 
mögen. Es handelte sich um mehr minder akut einsetzende Zustände mit reich- 
lichen optischen und akustischen Halluzinationen (vorwiegend religiöser Färb- 
ung). DieOrientiertheit war dabei auffallend wenig gestört ; Gedankengang ge- 
ordnet, von einer eigentlichen Verwirrtheit keine Rede. Man konnte an 
Halluzinose denken, doch sprachen dagegen das sichere Fehlen alkoholischer 
Antezedentien, die sehr reichlichen Gesichtstäuschungen. Gegen Dementia 
praecox sprach das Fehlen der gemütlichen Dissoziation, der Ausgang in Hei- 
lung u. s. w. An eine Paranoia konnte auch nicht gedacht werden. Auch bei 
den Juden beobachtete ich derartige atypische Fälle, die am ehesten noch 
unter der Rubrik „Amentia" Aufnahme finden dürften; z. B. Fälle mit 
akut einsetzenden massenhaften Gehörstäuschunsren, ohne Potus, ohneVer- 
wirrtheit. Dauerheilung ohne Defekt innerhalb einiger Wochen u. s. w. 

Was die Fälle mit Ausgang in sekundäre Demenz betrifft, so kann 
ich mir wohl denken, daß die relativ hohen Zahlen seitens mancher 
Autoren belächelt und derartige Fälle einfach als „Dementia praecox" ange- 
sehen werden dürften. Ich für meine Person kann nicht zugeben, daß 
der Ausgang der Psychose allein für die Diagnose maßgebend sein soll. 
Manche, gewiß seltene Fälle abgesehen, läßt sich eine Dementia praecox 
eben frühzeitig diagnostizieren ; eine Psychose aber, die symptomatologisch 
durchaus nur das Bild einer Amentia bietet, wird nun nicht darum eine 
Hebephrenie, weil sie ungünstig verlief. Der Begriff der sekundären Demenz 
— die wir ja doch auch z. B. bei der Melancholie sehen -- darf meines 
Erachtens nach nicht zu Gunsten der Modediagnose Dementia praecox 
ganz fallen gelassen werden. 

Paranoia. 

Diese Erkrankung, welche wir wohl als exquisit „endogen" auf- 
fassen dürfen (mit all,' den früher angedeuteten Einschränkungen) weist 
bezüglich der beiden Geschlechter wesentliche Differenzen auf. Bei den 
Männern sind in erster Linie die Juden beteiligt, während dieselbe hier bei 
den Frauen an letzter Stelle rangiert. Wir sehen nun sonst so konstant, 
daß bei den hereditär-degenerativen Formen die Juden überwiegen, daß 
diese letzterwähnte Ausnahme einer Erklärung bedarf. Vielleicht darf ich 
eine solche in folgendem erblicken. Wir finden unter den Jüdinnen einen 
ganz extraorbitant hohen Prozentsatz für die Dementia praecox. Nachdem be- 
kanntlich die Abgrenzung der Paranoia gegenüber der sogenannten 



— 16 — 

dementia paranoides öfters mehr minder arbiträr bleiben muß, mag viel- 
leicht das Minus an jüdischen weiblichen Paranoiafällen in einem Plus 
der jüdischen weiblichen Fälle von Dem. praecox stecken. Es würde dann 
allerdings auch zu folgen sein, daß bei den Jüdinnen die Paranoia be- 
sonders rasch, i. e. ungünstig verläuft und rasch in das terminale 
Stadium gelangt. 

Auffallende Unterschiede dem konkreten Inhalt der Wahnideen 
nach (im Sinne der antiquierten, aber vielleicht gerade rassenpsychologisch 
nicht uninteressanten Differenzierung in Paranoia religiosa, politica etc.) habe 
ich nicht gefunden ; nur so viel darf ich aussagen, daß, meiner Erfahrung 
nach, die vorwiegend kombinatorischen Formen mehr bei den Deutschen, 
die phantastischen Typen mit sehr reichlichen Sinnestäuschungen (be- 
sonders des Gemeingefühles) mehr bei den Slawen und Ungarn vorzu- 
kommen schienen. Die Paranoia querulans traf ich in gleicher Frequenz 
bei den Deutschen, Slawen und Ungarn (bei den Juden keinen derartigen Fall). 

Periodische Geistesstörungen. 

Bei dieser Form, welche dem degenerativen Irresein xa-' sco/vjv 
angehört, ist das besonders starke Prädominieren der Juden auffallend. 
Wie ich schon in meiner Monographie 1 ) erwähnte, machte mich v. Wagner 
darauf aufmerksam, daß die eigenartige familiäre Disposition auch Geistes- 
störungen, die an sich nicht periodisch zu verlaufen pflegen, ihren spezi- 
fischen Stempel aufdrückt. Weitere Studien unseres Krankenmaterials 
brachten nur Bestätigung dieser Betrachtungen. Ein geradezu typisch 
zirkulärer Verlauf oder ein periodisches Remittieren und Exazerbieren 
bei Hebephrenen, Paranoikern etc. fand ich besonders häufig gerade bei 
jüdischen Geisteskranken. 

Über die relative Frequenz der melancholischen und manischen 
Zustandsbilder wurde schon oben gesprochen fvide sub Melancholie und 
Manie). Nur nebenbei möchte ich, um einen eventuellen Widerspruch 
aufzuklären, folgendes erwähnen. In meiner Monographie 2 ) hatte ich die 
periodische Melancholie als eine der selteneren Formen der periodischen 
Geistesstörungen erklärt, im Verhältnis zur Frequenz des zirkulären Irre- 
seins und der periodischen Manie. Ich verstand uort unter „Periodischer 
Melancholie" reine Fälle, d. h. solche, bei welchen auch bei genauer 
fachmännischer Beobachtung der einzelne psychotische Anfall stets nur 
unter dem Bilde der Melancholie verlief. In diesen Detailtabellen aber 
sind unter „Periodischer Melancholie" auch alle diejenigen Fälle mit 
aufgenommen, bei welchen ein manisch gefärbtes mehr minder langes Vor- 
oder Nachstadium zwar ganz unverkennbar war, die also, wenn man will, 
ebensogut zum zirkulären Irresein gerechnet werden könnten, bei welchen 

') Pilcz, T Die periodischen Geistesstörungen", Jena 1901, p. 19. 
") Pilcz, Ibid., p. 107. 



— 17 — 

aber der Intensität und Dauer nach das depressive Zustandsbild jeweilig 
im Anfall prädominierte. 

Auffallend hoch ist bei den Nordslawen der Prozentsatz für Dipso- 
manie, „periodische Amentia", periodisch delirante Verworrenheitszustände 
etc. Erwägt man die innigen Beziehungen derartiger Zustände zum epi- 
leptischen Irresein, so erklärten sich — es gilt dies namentlich für die 
Männer — vielleicht die auffallend niederen Zahlen, welche anderseits 
gerade die Kordslawen quoad epileptischer Psychosen im Vergleiche zu 
den Deutschen aufweisen. 

Dementia senilis. 

Bei den Deutschen, Ungarn und Nordslawen kamen in ziemlich 
gleicher Häufigkeit vorwiegend die Fälle der typischen Presbyophrenie, 
des senilen Eifersüchte- und Beeinträchtigungswahnes zur Beobachtung, bei 
den Juden besonders häufig Bilder von exquisit hypochondrischer Färbung. 

Progressive Paralyse. 

Bei beiden Geschlechtern stehen in der Häutigkeitsskala die Magyaren 
hier an erster Stelle. Daß bei diesen Zahlen nicht eine Zufälligkeit des 
Materials mitspielt, zeigen u. a. die Angaben von Ho 11 6s 1 ) und v. Särbö 2 ), 
welche auf dem zweiten Landeskongresse ungarischer Irrenärzte die 
Tatsache zur Diskussion brachten, daß sämtliche Statistiken in tiberein- 
stimmender Weise dartun, daß die progressive Paralyse in Ungarn ver- 
breiteter sei als in irgend einem anderen Lande. 

Was die speziellen Formen anbelangt, so war mir auffallend, weil 
mit den übrigen Ergebnissen nicht stimmend, daß die sogenannte zirkuläre 
Verlaufsart gerade bei meinen jüdischen Paralytikern nicht vorkam. 
Dagegen kann ich die Beobachtung Hirschls 3 ) nur vollauf bestätigen, 
daß bei den Juden noch relativ am häu6gsten die klassischen Bilder (mit 
abundanter Megalomanie etc.) beobachtet werden können, die, nach 
übereinstimmender Anschauung mehrerer Autoren — ich zitiere hier 
speziell Mendel — in der letzten Zeit im allgemeinen überhaupt seltener 
werden. Den Juden zu" ; 'chst kommen diesbezüglich die Ungarn. Die im 
ganzen weniger häufigen depressiven Formen betrafen meist Deutsche. 

Dementia praecox. 

Bei beiden Geschlechtern überwiegen hier weitaus die jüdischen 
Geisteskranken, dann kommen die Nordslawen, zuletzt die Deutschen und 



*) Hollös, (Ref. über den II. Kongreß etc., Psychiatrisch Neurologische "Wochen- 
schrift IV, 1902/03, p. 508. Sitzung vom 27. Oktober 1902.) 

2 ) v. Särbö, ibid. 

s ) Hirschl, Jahrbücher für Psychiatrie, XIV. Bd., p. 429, „Zur Ätiologie der pro- 
gressiven Paralyse". 

Pilcz, Beiträge zur vergleichenden Kassen-Psychiatrie. 



— 18 — 

Ungarn. Bei den weiblichen Patienten jüdischer und nordslawischer Ab- 
stammung stellt die Dementia praecox überhaupt die häufigste Form 
psychischer Erkrankung dar. Die katatonen Formen sind besonders 
frequent unter den männlichen Fällen bei den Ungarn, unter den weib- 
lichen bei den Juden und erst in zweiter Linie bei den Ungarn. 

Was den Verlauf anbetrifft, speziell ob weitgehende Remissionen 
eintreten oder ein hohes Maß von Verblödung sich entwickelt, so ergaben 
sich zwischen der Katatonie und den übrigen Formen der Dementia 
praecox Unterschiede. Bei ersterer sehen wir quoad Remissiones die 
Juden am ungünstigsten beteiligt (die geringsten Zahlen für wesentliche 
Remissionen, die höchsten Zahlen für Endausgang in Demenz, wobei 
zunächst kein Unterschied gemacht wurde, ob diese Verblödung sofort 
oder erst nach mehrfachen Nachschüben sich entwickelte). Dasselbe gilt 
von den anderen Formen der Dementia praecox, mit dem Unterschiede, 
daß die weiblichen Patienten nordslawischer Abstammung die höchsten 
Ziffern für die terminale Demenz liefern und bei den Jüdinnen die Zahlen 
für Remissionen höhere sind (zugleich allerdings auch die Prozentsätze 
für Ausgang in tief« Demenz.) Ferner kann man sagen, daß für alle 
Formen die Zahlen der beiden Kolonnen für Demenz bei den Deutschen 
um ein wenig niedriger sind und daß die Aussichten auf sehr weit- 
gehende Remissionen bei weiblichen slawischen Katatonikeru sich am 
günstigsten gestalten. 

Epilepsie. 

Unter den epileptischen Geistesstörungen zeigt sich die höchste 
Frequenz bei den Deutschen (beiderlei Geschlechtes). Es muß dies darum 
auffallend erscheinen, weil wir für den Alkoholismus die höchsten Zahlen 
bei den Nordslawen antreffen. Eine befriedigende Erklärung dafür zu 
geben, bin ich außer stände und muß mich damit begnügen, dies einfach 
zu konstatieren. Bei den Deutschen fand ich auch die meisten „klassischen" 
Psychosen (religiöse Delirien etc.), während die Mehrheit der unter der 
Diagnose „epileptisches Irresein" geführten übrigen Patienten Fälle epilep- 
tischer Demenz, Reizbarkeit etc. betrafen. (Über „pathologischen Rausch" 
und „periodisch delirante Verworrenheitszustände" vide die betreffenden 
Abschnitte ; vielleicht, wie schon früher erwähnt, kompensiert die geringe 
Zahl slawischer Epileptiker die höhere Frequenz der „periodischen Deli- 
rien" bei denselben.) 

Hysterie. 

Wer die besonders starke Disposition der jüdischen Rasse zur 
Hysterie kennt (eine Tatsache, die schon Char cot, aber ebenso zahlreiche 
andere Autoren erwähnen), wird über die relativ geringen Prozentsätze 
dieser Tabelle für jüdische Geisteskranke erstaunt sein. Es hängt dies 
wohl lediglich von äußeren Faktoren ab. Als hysterische Geistesstörungen 



— 19 — 

wurden hier vornehmlich die Psychosen etc. gezählt, die eben anstalts- 
bedürftig wurden, nicht die Neurose an sich mit ihrem habituellen 
Geisteszustände. — Die (sit venia verbo) schönsten Delirien mit religiösen 
und schreckhaften Phantasien sahen wir häufiger bei den Slawen und 
Ungarn. 

Neurasthenisches Irresein. 

Wie schon oben erwähnt, gehen unter dieser offiziellen Diagnose 
des österreichischen Morbiditätsschemas alle die Fälle psychopathischer 
Minderwertigkeiten, welche uns in der Form der Phobien, Zwangsvor- 
stellungen etc. entgegentreten. Wir können auch hier wieder das Über- 
wiegen der Juden konstatieren. 

Alkoholische Geistesstörungen. 

An der Spitze marschieren hier die Nordslawen (beiderlei Geschlechtes), 
während z. B. die Südslawen (meine Zahlen sind allerdings sehr klein 
für Letztere) hier relativ spärlich vertreten sind. Gleichwohl ist der Alko- 
holismus an sich auch bei Letzteren recht verbreitet. In zweiter Linie 
kommen dann die Deutschen (männliche Patienten; bei den weiblichen 
stehen an Frequenz zunächst die Ungarn, doch sind die Zahlen für die 
weibliehen Alkoholiker überhaupt zu gering, um bindende Schlüsse zu 
gestatten). Bei den männl. Pat. der Deutschen und Ungarn bilden die alko- 
holischen Psychosen die zweit häufigste Form der Geistestörungen ; bei 
den Italienern, die bekanntlich als mäßig gelten, machen die Alkohol- 
psychosen in meinen Tabellen immerhin noch 1U24 / aus. Doch muß 
berücksichtigt werden, daß erstens mein Material an italienischen Kranken 
überhaupt sehr gering ist und daß es sich nahezu ausschließlieh aus den 
niedersten Volksschichten rekrutiert (italienische Bauarbeiter, Kaminfeger 
etc.). Von den einzelnen Formen überwiegt überall das typische Delirium 
tremens. Zur Halluzinose und dem Eifersuchtswahn stellen die Nordslawen 
das größte Kontingent. Die pathologischen Rauschzustände wieder sind 
bei den Deutschen häufiger als bei den Nordslawen (wie ja auch die 
epileptischen Geistesstörungen dasselbe Verhalten zeigen). Recht gering 
müssen die Zahlen für die Korsakow-Fälle genannt werden. 

Morphinismus, Kokainismus etc. 

Die „Süchtigen", auch eine typische Erscheinungsform aus dem 
Heere der psychopathischen Minderwertigkeiten, bedienen sich, soweit 
unser klinisches Material in Betracht kommt, nahezu ausnahmslos des 
Alkohols. Morphinisten etc. spielen bei unserem klinischen Material nur 
eine geringe Rolle. Immerhin fällt auch bei der sehr geringen Zahl von 
Einzelfällen das Prävalieren der Juden auf. 



— 20 — 

Was nun die übrigen Nationalitäten Österreichs anbelangt, so babe ich 
zwar in den Tabellen III und IV die Summe der einzelnen Fälle notiert; 
doch sind die Gesamtzahlen zu gering, als daß ich, der persönlichen Er- 
fahrung nach, hier zu rassenpsychopathologischen Fragen Stellung nehmen 
dürfte. Aus der Zusammenstellung der Statistiken in den Jahresberichten 
der diversen Irrenanstalten Schlüsse abzuleiten, hat, wie ich schon eingangs 
erwähnte, in Anbetracht der Uneinigkeit in der Terminologie und Klassifika- 
tion der einzelnen Beobachter, wohl wenig Wert. Immerhin mag, der 
Vollständigkeit halber, im folgenden der Versuch gemacht werden, 
betreffs einiger minder strittiger Punkte das zusammenzutragen, was 
an wichtigeren Mitteilungen über die Geistesstörungen der übrigen euro- 
päischen Völkerstämme vorliegt. 

Bei den Deutschen selbst scheinen innerhalb der einzelnen Stämme 
gewisse psychopathologische Verschiedenheiten vorzuliegen. Kraepelin 1 ) 
z. B. hebt in seinem Lehrbuche die außerordentliche Selbstgefährlichkeit 
der Geisteskranken in Sachsen hervor, während in Bayern und der Pfalz 
eine unvergleichlich geringere Selbstmordneigung anzutreffen sei. Ander- 
seits zeichnen sich die Geisteskranken Ober- und Niederbayerns durch 
höhere Gewalttätigkeit aus als die Patienten Sachsens; bei den Kranken 
der Pfalz sei große Unruhe bemerkbar. 

Auch Alb recht 2 ) macht auf die Möglichkeit ethnographischer Ver- 
schiedenheiten aufmerksam, als er die Frequenz der Dementia praecox 
bespricht, er zitiert die hohen Ziffern Wilmans für das manisch-depressive 
Irresein und Dipsomanie in Baden und der Pfalz. 3 ) Die Selbstmordstati- 
stiken würden gleichfalls für eine verschiedene Disposition zum Suizide 
bei den deutschen Stämmen sprechen, welche, im ganzen genommen, wie 
schon früher erwähnt, überhaupt nächst den Dänen das größte Kontingent 
zu den Selbstmördern stellen. Grüner,*) Wagner, 5 ) Morselli, 6 ) 
Gaupp 7 ) u. a. fanden die höchsten Ziffern bei den Sachsen. (Vergleiche 
damit die vorhin zitierte Angabe Kraepelins). 

Die früher erwähnte gesteigerte Disposition der Deutschen zu Depres- 
sionszuständen scheint auch anderen rein germanischen Nationen z. B. den 
Dänen eigen zu sein, wie B a n n i s t e r & H e c t o e" n, S p i t z k a, B u s c h an 8 ) 
u. a. zeigen. Habgood 9 ) berichtet über die Geistesstörungen in Norwegen, 
daß 32% Melancholien 27°/ Manien entgegenstehen. Nur die schwe- 

') Kraepelin. Lehrbuch der Psychiatrie, VII. Aufl., I. Bd., p. 107. 

") Albrecht, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc., 1905., 62. Bd., p. 659. 
..Zur Symptomatologie der Dem. praecox." 

3 ) Wilmans, Zentralblatt für Nervenheilkunde 1905, Nr. 180. 

*) Grüner, Inauguraldissertation, Berlin 1903. „Selbstmord in der deutschen Armee." 

6 ) Wagner, zit. nach Rehfisch. „Der Selbstmord." Berlin 1893. 

f ) Morselli. „Der Selbstmord." 1881 (deutsch von Kurella). 

') Gaupp, „Über den Selbstmord." 1905, München. 

8 ) Buschan, mit reichl. Literatur, 1. c. 

9 ) Habgood, Journal of mental science, 1892, p. 41. „Lunacy in Norway." 



— 21 

dischen Anstaltsausweise würden ein Überwiegen manischer Zustandsbilder 
ergeben (Hj ertstrüm x ), ebenso sab. Ziemann 2 ) auf den Faröern 
mehr Manien. 

Bei den Romanen, Slawen und Kelten prävalieren durchgehends 
die Exaltationszustände an Frequenz, nur die Klein-Russen seien (nach 
Buschan) mehr zur Melancholie disponiert. 3 ) 

In der Selbstmordstatistik stehen diese Völker auch alle hinter den 
Deutschen zurück. „In Osterreich, Italien, Frankreich, Rußland, Skan- 
dinavien zeigen die Teile mit vorwiegend germanischer Bevölkerung eine 
sehr viel höhere Selbstmordziffer als die slawische, keltische und romanische 
Einwohnerschaft" (Gaupp). 4 ) In demselben Sinne spricht sich Bus chan 
aus, Mathe ws u. a. Dänemark ist das an Selbstmorden reichste Land, 
.Spanien und Rußland geben die geringsten Prozentsätze (Gaupp), ebenso 
die Türkei (Riegler). Bei der Frage nach der relativen Frequenz von 
Melancholie und Manie spreche ich überall nur im Sinne von Zustands- 
bildern, wie ich ja dies in meinen früheren Erörterungen andeutete. Auf 
eine vergleichende Untersuchung der Häufigkeit der Amentia, Paranoia 
und Dementia praecox, diesen strittigsten Kapiteln der Psychiatrie, glaube 
ich — aus naheliegenden Gründen — , mich lieber gar nicht einlassen 
zu sollen. 

Bei der progressiven Paralyse bewegen wir uns auf sichererem Boden ; 
da lassen sich, meines Erachtens nach, die einzelnen Angaben doch eher 
miteinander vergleichen. Im großen und ganzen scheint die Häufigkeit 
der Paralyse bei den einzelnen westeuropäischen Nationen keine wesent- 
lichen Differenzen aufzuweisen. Der traurigen Ausnahmsstellung, welche 
diesbezüglich die Ungarn einnehmen, wurde schon oben gedacht. Bei 
anderen osteuropäischen Völkerschaften kommen aber in entgegengesetztem 
Sinne bemerkenswerte Ausnahmen vor. In Bosnien z. B. ist trotz nahezu 
endemischer Verbreitung der Lues die progressive Paralyse sehr selten 
(B er mann, 5 ) Kutschet c ) Glück), ebenso in Griechenland (Saniborn 7 ), 
woselbst sie übrigens in der letzten Zeit allmälich an Frequenz gewinne 
(Mitafti 8 ). Auch bei den Türken steht die relative Seltenheit der Pa- 
ralyse (und Tabes) in einem auffallenden Gegensatze zur Verbreitung der 



') Hj ertstrüm, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc. Bd. 47, p. 194. 

2 ) Ziemann, Archiv für Tropen- u. Schiffshygienie, 1900. „Gesundheitsverhältnisse 
auf den Farüern," p. 382. 

3 ) Buschan, 1. c. 

') Gaupp, „Der Selbstmord." München 1905, pg. 9 flf. 

') B er mann, zit. nach Kraepelin, Lehrbuch etc. 

6 ) Kötschet, Wiener Medizin. Wochenschrift, 1904, p. 1110 ff. „Paralys. progressiva 
und Syphilis, mit Berücksichtigung der in Bosnien und Herzegowina gesammelten Erfahrun- 
gen." (Zit. das. auch Glück u. Bermann.) 

') Saniborn, Journal of mental science, 1893, p. 338. „Insanity in Greece." 

8 ) Mitafti, Diiring, Christ, zit. nach Scheube, Archiv etc. 



22 — 

Syphilis (D U ring- P a seh a, Christ, Riegler 1 ), und die in Konstanti- 
nopel lebenden Armenier (also nicht finnisch-ural-altaischer Abstammung), 
bei welchen die Paralyse wieder häufiger ist, bilden eine bemerkenswerte 
Ausnahme (Kötschet). Nur bei Mendel -) fand ich (aus dem Jahre 1880) 
die Angabe: „In Konstantinopel ist die Zahl der Paralytiker, wie ich mich 
im vorigen Jahre selbt überzeugt, eine verhältnismäßig große und nach 
der Angabe des Dr. Mongeri im Steigen begriffen." Immerhin weist ein 
mir von Kollegen Mongeri freundlichst zur Verfügung gestellter Jahres- 
bericht 3 ) von 1903 auffallend niedere Zahlen für Paralytiker auf.*) 

Im Zusammenhang mit diesen Beobachtungen ist auch die Angabe 
Rosciolis 4 ) recht interessant, der auf Sizilien nur 6'13% Paralytiker 
unter allen Aufnahmen fand, während die entsprechenden Zahlen in Nord- 
uud Mittelitalieu viel hoher und mehr unseren Verhältnissen entsprechend 
sind. Nach Verga 5 ) herrseht die Paralyse besonders in Piemont und 
Ligurien vor. Relativ selten ist diese Krankheit auch in Spanien, in 
Portugal (Rey)°) und — in besonderem Gegensatze zu England — in 
Irland (Ashe) 7 ). 

Speziell bezüglich der Südslawen stimmen meine Zahlen (17%) für 
die Paralyse überraschend mit der Angabe Kot seh et s, der — im Gegen- 
satze zu den schon erwähnten Verhältnissen in Bosnien — in den süd- 
slawischen Nachbarländern unter 3333 Aufnahmen 549 Paralytiker fand, 
also etwa 16°/ - 

Bei dieser Gelegenheit sei ein interessanter Aufsatz Subotic' 8 ) erwähnt, 
der über die sogenannten „Rusalien" in Serbien berichtet, eine „lokale 
periodisch wiederkehrende hysterische Epidemie" etwa nach einer Art 
„Tanzwut", z. B. der „Ramanajana" auf Madagaskar (vide später). 

Bezüglich der alkoholischen Geistesstörungen und Rassen Verschieden- 
heit liegen auch einige bemerkenswertere Daten vor, die hier, zunächst 
für Europa, kurz angeführt seien. 

Die Alkoholseuche nimmt, wie bekannt, im allgemeinen „mit den 
Breitegraden zu; sie wird konstant häufiger, brutaler und in ihren Wir - 

') Riegler, „Die Türkei u. deren Bewohner." Wien 1852 (vide später), II. 
p. 308 ff. 

2 ) Mendel, „Die progressive Paralyse 11 1880, p. 226. 

8 ) Mongeri, Bullet, de la societe de medecine mentale de Belgique 1903. „Kapport 
annuel dela section des alienes del'hopital etc". 

4 ) Roscioli. La paralysi progr. nell' Italia meridionale." 

; ) Verga, Archiv ital. di psichiatria etc. 1878, H. 6. 

c ) Key, Annales medicopsycholog. 1879, It., p. 263. „Notes sur quelques asiles 
d'alienes del'Ameriquo du Sud, du Portugal et de l'Espagne." 

') Ashe, Journal of mental science 1876, April, p. 83. „Some observations on 
general paralyses." 

*) Einer privaten Mitteilung Kollegen Mongeris verdanke ich die Angabe, daß im 
großen und ganzen die Morbiditätsverhältnisse im Orient keine wesentlichen Differenzen 
gegenüber den westeuropaischen aufweisen. 

") Subotic, Jahrbuch, für Psychiatrie etc., 1902, p. 346. 



kungen auf den Einzelnen wie auf die Gesellschaft um so verderblicher, 
je mehr wir uns den nördlichen Regionen nähern" (Bowditsh, nach 
Baer 1 ) zit.) (conf. über die ganze Frage bes. Baer und Hoppe 3 ). In 
ziemlich übereinstimmender Weise wird von den Autoren die Mäßigkeit 
der Bevölkerung und damit die geringe Frequenz der alkoholischen 
Geistesstörungen in Portugal, Spanien und Italien hervorgehoben, während 
die besondere Neigung zur Trunksucht gerade der skandinavischen und 
deutschen Völkerstämme eine ebenso bekannte wie traurige Tatsache ist. 
(Welchen Wandel in der Statistik des Alkoholismus die skandinavischen 
Länder übrigens dank einer zielbewußten, hingebungsvollen und begeisterten 
Antialkoholpropaganda in der letzten Zeit zeigen, ist zur Genüge bekannt.) 
In Österreich speziell zeigt der Alkoholismus in den Küstenländern (ita- 
lienische und südslawische Bevölkerung) die geringste, in Galizien (nord- 
slawische, polnische und ruthenische Bevölkerung) die grüßte Frequenz. 
Interessanter als diese ganz allgemein gehaltenen Angaben wären Berichte 
über die einzelnen Formen der alkoholischen Geistesstörungen, da z.B. betreffs 
des Delirium tremens sich recht bemerkenswerte Verschiedenheiten bei ein- 
zelnen Rassen ergeben (vide später: Japaner, Neger u. s. w.) und auch meine 
eigenen Erfahrungen einige Differenzen aufzudecken scheinen. Leider liegen 
über die relative Frequenz der einzelnen alkoholischen Psychosen bei den ver- 
schiedenen Nationalitäten, soweit mir die Literatur zugänglich war, keine 
detaillierten Berichte vor. Nur das Delirium tremens wird gelegentlich 
speziell erwähnt, ohne daß indessen überall hervorginge, ob ausschließlich 
Fälle dieses klinisch wohl umschriebenen Krankheitsbildes darunter sub- 
sumiert sind, oder auch andere Formen, wie die akute Halluzinose (Wernicke) 
etc., dazugezäblt wurden. (Rey 3 )z. B.. welcher keinerlei symtomatologische 
Verschiedenheiten zwischen dem „Delirium tremens' 1 der Neger in Brasilien 
und den europäischen Fällen wahrnahm, spricht von den reichlichen Ge- 
hörstäuschungen, die doch zum Bilde des typischen Alkoholdeliriums nicht 
gehören.) Zudem sind die Angaben einzelner Autoren sehr wechselnd. 
Bei Baer heißt es z. B. von Griechenland, daß das Delirium tremens eine 
äußerst seltene Krankheit sei, während Vaassopoulos 4 ) findet, daß das- 
selbe sehr häufig vorkomme; auch Rigler 3 ) sagt, daß bei den Griechen 
der Säuferwahnsinn häufiger sei als bei den Türken. Bezüglich der Türken 
geben übrigens mehrere Autoren an, daß die strengen religiösen Vorschriften 
vielfach nur als Verbot des Weines ausgelegt und gehalten werden (in 
allzu wörtlicher Anlehnung an den heiligen Text), und daß der Schnaps- 



*) Baer, „Der Alkoholisraus." Berlin 1878, p. 145 ff., p. 281 ff. 

2 ) Hoppe, „Die Tatsachen über den Alkohol." Berlin 1901, p. 127 ff., p. 152 ff. p. 196 ff. 

s ) Rey, Annales medicopsycholog., 1875, L, p. 75. „L'hospiee Pedro II et les aliene's 
en Bresil." 

4 ) Vaassopoulos, I. congres des medecins Grc'cs. „La geographie nosologique dela 
Laconie." Constantinople 1883- 

B ) Ei gier, Die Türkei und deren Bewohner. Wien 1852, I. p. 332, II. p. 285, 308. 



- 24 — 

konsum bei den Orientalen gleichfalls sehr verbreitet sei. Rigler z. B. 
wundert sich, relativ wenige Fälle von Delirium alcohol. gesehen zu 
haben im Verhältnis zur „unglaublichen" Zahl von Schnapssäufern. Das- 
selbe Mißverhältnis zwischen Delirium tremens und enormem Branntwein- 
konsum der Bevölkerung betont Ziemann 1 ) nach seinen Erfahrungen 
auf den Faröern. Jedenfalls darf man sagen, daß die Frequenz des Delirium 
tremens (der nach meinen Tabellen häufigsten Form der alkohologenen 
Psychosen) durchaus nicht proportional sich gestaltet der Ausbreitung des 
chronischen Alkoholmißbrauches als solchen. Auch Baer führt mehrere 
Daten an, wonach in den letzten Jahrzehnten das Delirium tremens im 
Abnehmen und dafür die Erscheinungen des chronischen Alkoholismus 
im Zunehmen seien. Nach einer mündlichen Mitteilung Neissers an Stransky 
seien in Preußisch-Schlesien die Fälle alkoholischer Korsakoffscher Psy- 
chosen viel häufiger als bei uns. Chotzen 2 ) fand unter 701 männlichen 
Alkoholikern 22, unter 78 weiblichen 16 (!) polyneuritische Psychosen, i. e. 
3%, bezw. 20%. 

1 ) Ziemann, 1. e. 

2 ) Chotzen, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc. 59. Bd., p. G60. „Zur Kenntnis 
der polyneuritischen Psychose." 



IL Teil. 

Geistesstörungen bei den außereuropäischen 
Völkerschaften. 

Der Umstand, daß die Berichte über die Psychosen in den Tropen 
u. s. w. größtenteils verstreut in nicht immer leicht zugänglichen Zeitschriften 
niedergelegt sind, ferner die Erwägung, daß — wovon sich der Leser un- 
schwer überzeugen kann — auch in neueren Lehrbüchern der Tropenkrank - 
heiten, wie von Scheube 1 ) und (1905) von Meuse 2 ), die zitierte ein- 
schlägige Literatur vielfach noch ergänzt werden kann: möge die Publi- 
kation dieses zweiten Teiles meiner Studie rechtfertigen, bei welchem ich mich 
selbstverständlich auch nicht auf persönliche Beobachtungen berufen kann, 
aber durch möglichst vollständige Berücksichtigung der hiehergehörigen 
Publikationen einem anderen Bearbeiter irgend eines Spezialkapitels aus 
der Rassenpsychopathologie das mühsame Aufsuchen der Literatur vielleicht 
in wenig zu er e c htern vermag. 

Arier. 

Von den außereuropäischen arischen Völkerschaften kommen der Be- 
deutung nach nur die Perser und Indier in Betracht; leider liegen über 
Geistesstörungen bei diesen Völkern nur höchst spärliche Angaben vor. 

Nach Ostr o wskich 3 ) ist in Persien die progressive Paralyse trotz 
enormer Verbreitung der Syphilis sehr selten; ganz dasselbe läßt sich sagen 
von den Indiern, wie die Nachforschungen Scheubes 4 ) ergaben; auch 
Niven 5 ) erwähnt, daß er bei der farbigen Bevölkerung niemals diese 
Form gesehen habe. 

In Indien töten sich mehr Frauen als Männer (Gaupp 6 ). (Über das 
Verhältnis der Geschlechter zum Suicide vgl. meine Arbeit über den Selbst- 



') Scheube, „Die Krankheiten der warmen Länder." 1900, p. 569 ff. 

2 ) M'euse, Handbuch der Tropenkrankheiten. 1905, LT. „Die Nerven- und Geistes- 
krankheiten etc." von Brero, p. 210 — 236. 

3 ) Ostro wskich (zit. nach Kraepelin, Lehrbuch der Psychiatrie, 1904. II. T. 
p. 377. 

4 ) Scheube, Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene, 1902. VI. Bd., p. 147 ff. „Die 
venerischen Krankheiten in den warmen Ländern." 

ä ) Niven, Journal of mental science, 1873. 
") Gaupp, 1. c. 



— 26 — 

mord. 1 ) Bekannt sind die hysterisch-ekstatischen Zustände der indischen 
Fakire. (Analog den Bildern bei den marokkanischen Marabouts, bei den 
algierischen Beni-aiussos etc.) 

Über die Frequenz der Haschischpsychosen in Indien gehen die 
Meinungen der Autoren ein wenig auseinander. Im Gegensatz zu Barnes 2 ), 
Walsh 3 ), Ireland 4 ) u. a. meint Warnock 5 ), daß in Indien speziell 
der Mißbrauch des indischen Hanfes und dessen verschiedener Präparate 
(Bhang, Mayun, Gandia, Oharas etc.) nicht so deletär quoad Psychosen 
wirke wie z. B: in Ägypten. Derselbe Autor zählt folgende Formen 
psychischer Störung auf, die durch Intoxikation mit Cannabis indica hervor- 
gerufen werden. (Es bezieht sich aber diese Schilderung, wie ausdrücklich 
bemerkt sei, auf ägyptische Geisteskranke.) Transitorische akute Vergiftung, 
Haschischdelirium, akute Haschischmanie, chronische Haschischmanie und 
dieHaschischdemenz. Unter Cannabinomanie versteht Warnock den habituellen 
Zustand derartiger Individuen ohne psychopathische Züge s. str., der alle 
Züge der Degenerescence mentale an sich trägt. Es dürfte wohl schwer zu 
entscheiden sein, wie viel davon lediglich Folgeerscheinung der chronischen 
Vergiftung, wie viel kongenital ist als Ausdruck der allgemeinen psycho- 
pathischen Minderwertigkeit, welche bestimmte Individuen eben überhaupt 
„süchtig" werden läßt. 

Alkoholismus und Alkoholpsychosen spielen in Indien keine Bolle. 
Der sehr verbreitete Opiummißbrauch (es wird gegessen in Indien und 
Persien, weniger geraucht 6 ) zieht schwere Folgen in der nervösen Sphäre 
und im Allgemeinzustande (Ernährung u. s. w.) nach sich; auffallenderweise 
aber scheinen eigentliche Geistesstörungen nicht vorzukommen. 7 ) Im großen 
und ganzen ist Irresein bei den Autochthonen Indiens überhaupt relativ 
seltener (Boudin 8 ). 

Semiten. 
Einen sehr eingehenden Bericht über die Geistesstörungen bei den 
Arabern verdanken wir Meilhon. 9 ) 10 ) Beim Vergleiche mit den Psy- 

1 ) Pilcz, Jahrbücher für Psychiatrie, 1. c. 

2 ) Barnes, Journal of mental scienee, 1892. 

3 ) Walsh, ibid. 1894. 

4 ) Ireland, British medical Journal, 1893. II. p. G30. „Insanity from the abuse of 
indian hemp." (mit Diskussion). 

5 ) Warnock, Journal of mental scienee, 1903, p. 90. „Insanity from hasheesh." 

6 ) Rho in Menses Handbuch der Tropenkrankheiten, 1905, I. Bd., Kap. „Die 
Intoxikationskrankheiten." XVI., p. 278 ff. (mit Literatur). 

') Brero, ibid. p. 232. 

8 ) Boudin, Traite de güographie et de statistique medicale, 1857, II., p. 297. 
„Del'alienation mentale." 

9 ) Meilhon, „L'alienation mentale chez les Arabes." Annales medicopsychologiques, 
1896, I, II, p. 17 ff. 

10 ) Meilhon, ibid. T. XIII, Nr. 3, 1891, p. 384. „C'ontribution a l'etude de la para- 
lysie generale consideree chez les Arabes." 



27 — 

chosen in Europa fallen mehrere Punkte auf. Erstens verdient die relative 
Seltenheit der progressiven Paralyse trotz enormer Ausbreitung der Syphilis 
hervorgehoben zu werden, ein Umstand, den auch andere Autoren, und 
zwar nicht nur betreffs der algierischen Araber, sondern auch von allen 
übrigen arabischen Stämmen, in übereinstimmender Weise betonen (Sand- 
wirth, 3 ) Battarel, 2 ) de Brun 3 ) etc.). Warnoek 4 ) meint übrigens, 
daß die Paralyse nur in den ägyptischen Anstaltsberichten so selten er- 
scheine (3 — 6%), in Wirklichkeit häufiger vorkommen dürfte. Die 
Dementia paralytica tritt meist in ihrer manischen Form auf, wie über- 
haupt unter sämtlichen Psychosen die Exaltationszustände überwiegen, und 
ein gewalttätiger, expansiver Charakter den Hauptzug der arabischen 
Geistesstörungen bildet. 5 ) 6 ) 

Bemerkenswert ist ferner der hohe Prozentsatz von alkoholischen 
Psychosen (22-89°/n) unter den Arabern, während Meilhon nur drei 
Kabylen unter seinen Fällen hatte. Bei Legrain 7 ) fand ich die be- 
merkenswerte Angabe, daß trotz unmäßigen Alkoholismus bei den Kabylen 
alkoholische Geistesstörungen sehr selten sind, was also mit den Beobach- 
tungen Meilhons stimmt. (Dagegen sah Legrain auffallend viel Leber- 
cirrhosen.) Auch Pruner*) erwähnt schon, daß er Fälle von Delirium 
tremens in Ägypten nicht gesehen. 

Die meisten der alkoholischen Geistesstörungen, über welche Meilhon 
berichtet, sind übrigens durch den gleichzeitigen chronischen Haschisch- 
mißbrauch (Kiffisme) kompliziert; dazu kommt, daß als übliches Getränk 
zumeist der Absinth dient. Von den Haschischpsychosen, welche in Ägypten, 
Arabien u. s. w. sehr verbreitet sind, wurde schon früher gesprochen. 9 ) 10 ) 
Meilhon erwähnt außerdem bezüglich seiner Fälle, daß die Geistes- 
störungen infolge des „Kiffisme" sich durch besonders starke sexuelle 
Färbung auszeichnen. Auffallend hoch ist die Zahl der degenerativen 
Typen, wofür Meilhon gewiß mit Recht den besonderen Einfluß der 
Heredität verantwortlich macht, welch letztere durch religiöse Motive be- 
deutend gefördert wird. Meilhon zitiert bemerkenswerte Stellen aus den 



1 ) Sandwirth, Journal of mental scienee. 1889, p. 473. „The Cairo luuatic asylum." 

•) Battarel, These de Montpellier 1902 (ref. Zentralblatt für Nervenheilkunde etc. 
1903, Nr. 161). „Quelques remarques sur la paralysie generale chez les indigunes Muselmans 
algeriens." 

3 ) de Brun zitiert nach Scheube. Archiv f. etc. 

■*) Warnoek, British medical Journal. 1899, II, p. löOO. 

') Vois in, Annales medicopsychologiques. 1873, IX, p. 491. „Les alienes en Alge'rie." 

ü ) Constans, ibid. (Diskussion zu Voisin.) 

') Legrain (ref. im Archiv f. Tropen und Schiffshygiene, IV. Bd.). Eevue med. de 
TAfrique du Nord. 1S99. „Notes sur la pathologie speciale des indigenes etc." 

e ) Pruner, „Krankheiten des Orients", p. 303 ff., 1847, Erlangen. 

,J ) Warnoek, 1. c. (Über Haschischpsychosen.) 
10 ) Warnoek, British medical Journil 1893. II, 813. „Indian hemp as a cause of 
insanity." 



28 — 

heiligen Schriften, wonach sexueller Verkehr mit Geisteskranken — und zwar 
nicht nur im Rahmen des ehelichen Lebens — ausdrücklich befohlen 
wird. Selbstmord gehört zu den großen Seltenheiten, was seinerzeit schon 
Moreau 1 ) bemerkte, ebenso Warnock. Die zwei Selbsmorde, welche 
M eilhon beobachten ^konnte, betrafen nicht Fälle von Melancholie, die 
an sich bei den Arabern relativ selten ist, sondern je. einen Fall von 
alkoholischer und epileptischer Geistesstörung. (Einen Fall von Melancholie 
sah auch Orgeas.j-) Auch Collardet 3 ) betont das Vorwiegen tobsucbt- 
artiger Erregungszustände, die schädlichen Folgen des Absinth- und Kiff- 
mißbrauchs, das Fehlen der progressiven Paralyse. Nur Nitzsch *] zitiert 
eine Angabe von Pruner, wonach letztere bei den Arabern auch nicht so 
selten sei. Nitzsch berichtet übrigens in dem Sinne wie Meilhon über den 
sexuellen Verkehr zwischen Geisteskranken und Gesunden und erwähnt 
auch wieder die enorme Seltenheit des Selbstmordes, ebenso Pruner. 

Zustände, die zweifellos der grande Hysterie zuzurechnen sind, wurden 
bei den marokkanischen M a r a b o u t s und (in Algier) bei den B e n i- 
Aiussos beschrieben (Brero 5 ). 

Über die Geistesstörungen bei den Juden liegen relativ zahlreiche 
Publikationen vor. In übereinstimmender Weise betonen zunächst die 
Autoren die gesteigerte Disposition der jüdischen Rasse zu Geistesstörungen 
überhaupt. (Schule, 6 ) Kr aepelin, 7 ) Ki rchhoff, 8 ) v. Kr afft-Ebing, 9 ) 
Luys, 10 )Lunier, n )Lagneau, 12 )Boudin, 13 )Kerckhoff, I4 )Hubertz, 15 ) 



*) Moreau, Annales mudicopsychologinu.es, 1843. 

2 ) Orgöas, These de Paris, 1880. „Etüde sur la pathologie comparee des races 
humaines etc." 

8 ) Collardet, „Irrenwesen in Algier" (ref. in Allgemeine Zeitschrift f. Psychiatrie 
etc., 1867. T. 24, p. 164). 

4 ) Nitzsch, ibid. 1857, XIV. Bd , p. 1. „Psychiatrisches aus Ägypten." 

ä ) Brero, Handbuch d. Tropenkrankheiten etc. 

Mendel, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc. 1886. Bd. 42, p. 240. „Aus 
Ägypten" 

Petersen, New-York medical Eecord 1891. 21. Mai. „The insane in Egyqt." 
6 ) Schule, Lehrbuch der Psychiatrie, 1878, p. 217. 
') Kraepelin, Lehrbuch der Psychiatrie, 1896, p. 81. 
s ) Kirchhoff, Lehrbuch der Psychiatrie, 1892, p. 34. 

9 ) v. Krafft-Ebing, Lehrbuch der Psychiatrie, 1888, p. 157. 

10 ) Luys, Traite des maladies mentales, 1881. 
") Lunier, zitiert bei Trenga (vide d.). 

12 j Lagneau, Bulletins de l'academie de medecine, T. XXVI, III. s., 1891, p. 290 ff. 
") Boudin, Bulletins de la societe d'anthropologie, 1863, T. IV, p. 386. 

Bond in, Traite de geographie et de Statist, medic. (zitiert nach Lagneau). 
I4 ) Kerckhoff, Bulletins de la societe d'anthropologie, 1884, III. a ., T. VII, p. 696. 
16 ) Hubert z, zitiert nach Lagneau. 



— 29 - 

Kretzmer, 1 ) Czermak,-) Epstein, 3 ) Engländer 1 ) und viele andere. 
In einer früheren Arbeit 5 ) hatte ich die judischen Geisteskranken unserer 
Klinik in bezug auf ihre prozentuale Beteiligung an den bekannten nosologi- 
schen Typen zum Gegenstande meiner Untersuchungen gemacht und war 
u. a. zu folgenden Schlüssen gelangt: 1. Alkoholische Geistesstörungen 
kommen bei den Juden kaum vor; 2. bei jenen Geistesstörungen, bei welchen 
neben einer ihrem Wesen nach nicht näher aufgeklärten individuellen 
Prädisposition greifbare äußere Schädlichkeiten (Infektionskrankheiten, 
Vergiftungen endo- oder exogenen Ursprungs, zerebrale Herde etc.) eine 
Rolle spielen, macht sich ein Unterschied zwischen der jüdischen und nicht- 
jüdischen Rasse nicht bemerkbar; 3. die jugendlichen Verblüdungsprozesse, 
die Demenz nach akuten Psychosen und die Paralysis progressiva kommen bei 
den Juden viel häufiger vor ; 4. zu Psychosen auf hereditär-degenerativer 
Basis erscheinen die Juden unverhältnismäßig stark disponiert. So fand ich 
z. B., während nach der letzten Volkszählung in Wien die Juden 8'86% der 
Bevölkerung bilden, beim periodischen Irresein 2608%, bei der Paralyse 
18*75%, bei dem neurasthenisclien Irresein (Phobien etc.) 25°/ Männer, 
40% Frauen, bei der sekundären Demenz 33"3% aller Kranken Juden. 
Hatte ich damals berechnet, mit wieviel Prozent der Gesamtaufnahmen an 
den einzelnen klinisch-psychiatrischen Formen die jüdischen Geisteskranken 
beteiligt seien, so liefern, als Ergänzung dazu, die Tabellen dieser Arbeit 
ein Bild von der Häufigkeit dieser bestimmten Typen, bezogen auf die 
jüdischen Geisteskranken selbst. 

Es erübrigt noch, die Lieber gehörigen Literaturangaben zu zitieren, 
welche im großen und ganzen mit den vorliegenden Untersuchungen im 
Einklänge stehen. Hirschl ) fand unter seinen Paralytikern 20% Juden, 
Fishberg 7 ) 18*05%, Beadles-) berechnet 21% Paralytiker unter sämt- 
lichen jüdischen Geisteskranken, während diese Krankheit nur 13% der 
Gesamtaufnahmen bei der übrigen Bevölkerung ausmacht. Bezüglich der 
weiblichen Paralysen fand Beadles keine bemerkenswerten Unterschiede; 



1 ) Kretzmer, St. Petersburger medizin. Wochenschrift, 1901, p. 231. „Über anthro- 
pologische, psychologische und pathologische Eigentümlichkeiten der Juden." 

') Czermak, Allgemeine Zeitschrift f. Psychiatrie, 1858, p. 251. „Ein Beitrag zur 
Statistik der Psychosen." 

*) Epstein, Psychiatr.-neur. Wochenschrift, 1902, p. 415. (Bemerkung in seinem 
Referate über meine Monographie: „Die periodischen Psychosen.") 

4 ) Engländer, Die auffallend häufigen Krankheitsformen der Juden. Wien, 1902. 

6 ) Pilcz, Annales medicopsychologiques, 1902, Janvier: „Sur les psychoses chez 
les juifs." 

6 ) Hirschl, Jahrbuch, für Psychiatrie, Bd. XIV., p. 419. „Zur Ätiologie der pro- 
gressiven Paralyse." 

') Fishberg, New- York medical Journal, 1901. „The comparative pathology of 
the Jews" (ref. nach Frank Hyde, American Journal of insanity, T. 58, p. 409. „Notes 
od the hebrew insane"). 

8 ) Beadles, Journal of mental science, 1900, p. 731. „The insane Jovf." 



30 — 

auch Benedikt 1 ) erwähnt die besondere Häufigkeit der progressiven 
Paralyse, ebenso Brosius. 2 ) Nur Minor 3 ) fand die progressive Paralyse 
bei den Juden fünfmal seltener als bei den Russen. Spitzka 4 ) sah nur 
1029% Juden unter seinen Fällen von Paralyse; hingegen macht auch er 
auf die besonders hohe Disposition dieser Rasse zu den hereditär-degenera- 
tiven Formen aufmerksam. Als einer der Hauptrepräsentanten der Folie 
hereditaire ist das periodische Irresein anzusehen ; die hohen Prozentsätze, 
welche die Juden dazu stellen, hatte ich schon seinerzeit 5 ) in meiner Monogra- 
phie erwähnt; dasselbe sagt Mickle. u J Die ungemeine Verbreitung der neu - 
rasthenischen und hysterischen Formen bei den Juden betonen Charcot, 7 
Benedikt, Shuttle worth, s ) Fletcher Beach, 9 ) Tobler, 10 ) 
Blanchard 11 ) etc. In Übereinstimmung mit meinen Ergebnissen betreffs 
der schlechten Prognose (sekundäre Demenz und Dementia praecox) stehen 
die Angaben von Beadle s, Spitzka, Brosius. 

Bemerkenswert sind die Angaben Trengas 12 ) über die algerischen 
Juden. Während bei meinen jüdischen Geisteskranken die alkoholischen 
Psychosen per se und der Alkoholmißbrauch als ätiologischer Faktor kaum 
in Betracht kommt — auch Brosius und Ellinger 13 ) sagen dasselbe 
— ■ konnte Trenga bei seinem Material in 17'6°/ schweren Alkoholismus 
erheben. Trenga betont gleichfalls die besondere Häufigkeit der hereditär- 
degenerativen Typen. Fishberg fand alkoholische Antezedentien in 
Tr516 / , Savage 14 ) sah „Moral depravity" bei den jüdischen Geistes- 
kranken sehr häufig und stark ausgeprägt. 

Bezüglich der Manie und Melancholie gehen die Angaben der Autoren 
auseinander. Bannister & Hectoen 15 ) konstatierte 17'6°/o Manien und 
21'7ß°/o Melancholien; bei Spitzka lauten die entsprechenden Zahlen 
ll'27 u / und 9'8°/o; auch nach Buschan würden die Manien überwiegen. 
(Meine eigenen Ergebnisse viele oben.) Bemerkenswert erscheint mir 



') Benedikt, ibid., 1901, July. „On the insane Jew." 

') Brosius, Psychiatrischer Verein der Rheinprovinz, 1902, 15. Nov., Bonn (ref. 
Allgem. Zeitschrift für Psychiatrie etc., LX. Bd., p. 269). „Die Psychose der Juden." 

3 ) Minor, Archives de Neurologie, 1889. Bd. XVII., p. 183. „Contribution a Tetule 
de l'etiologie du tabes." 

*) Spitzka, 1. c. 

5 ) Pilcz, „Die periodischen Geistesstörungen." Jena 1901. 

") Miekle, Annual meeting of the medico-psychological association, London, 1900. 

') Charcot, zit. nach Gilles dela Toarette. „Die Hysterie", 1894, p. 73. 

8 ) Shuttleworth, Annual meeting of the medico psycholog. association. London 190U. 

a ) Fletcher Beach, ibid. 
10 ) Tobler, /.it. nach Buschan, 1. c. 

") Blanchard, Bulletins de la soeiete d'anthropologie de Paris, 1863, T. IV, p. 700. 

,! ) Trenga, „Sur les psychoses chez les Juifs d'Algerie" Montpellier, 1902. 

13 ) EUinger, The medicolegal Journal, 1888, March. 

14 ) Sa vage, Annual meeting of the medico psychological association. London 1900. 
I6 ) Bannister & Hectoen, 1. c. 



31 

wieder das Verhalten der Selbstniordgefährlichkeit zu sein. Nicht nur, 
daß der Selbstmord an und für sich bei den Juden relativ seltener vor- 
kommt (wie die Ergebnisse der Untersuchungen von Masar yk, 1 ) Gaupp 2 ) 
und mir zeigen), scheinen auch jüdische Geisteskranke eine geringere 
Tendenz zum Suicide zu zeigen als nichtjüdische Patienten. Bei meinem 
eigenen Material 3 ) beobachtete ich Selbstmordversuche in 8°/ männlicher 
und 9"12°/o weiblicher jüdischer Pfleglinge, während die entsprechenden 
Ziffern bei dem nichtjüdischen Kraukenmaterial 16°/ und 18% aus- 
machen. (Nur Singer' 1 ) fand die Zahl der jüdischen Selbstmörder ein 
wenig größer, als dem allgemeinen Durchschnitt entsprechend ; für die 
Seltenheit des Suicides bei den Juden sprechen aber u. a. auch die Unter- 
suchungen von Trusen. 5 ) Nur noch eine Bemerkung. Brosius meinte 
u. a., daß es eine spezifische Psychosis judaica nicht gibt. Gewiß nicht 
in dem Sinne, daß eine symptomatologisch wohl umschriebene Krankheits- 
form damit gemeint ist, die nur bei Juden vorkomme. Allein wenn man 
ausdrücken will, daß bei den Juden viel häufiger durchaus atypische 
Bilder vorkommen, die in keine der bekannten Formen sich einreihen 
wollen, die jeder sicheren Prognose spotten, welche die bunteste Kombination 
degenerativer Züge bei erworbenen „exogenen" Geistesstörungen darbieten, 
u. s. w., in dem Sinne darf man wohl nicht von einer „Judenpsychose", 
aber von „Judenpsychosen" sprechen. 

Buschan G ) weist darauf hin, daß z. B. selbst in Palästina die 
Juden unverhältnismäßig stark zu Psychosen disponiert sind. Dies sowie 
der Umstand, daß auch bei den Weibern sich diese erhöhte Disposition 
in gleichem Maße findet, spricht dafür, daß nicht das Moment des er- 
schöpfenden Gehirnlebens allein, der struggle for life, die Schäden der 
„Zivilisation" zur Erklärung des Prävalierens jüdischer Geisteskranken 
ausreichen. 

Im Anhang an die Geistesstörungen bei den Semiten seien hier auch 
die Berichte über die Psychosen in Abessynien angeführt (die Bevölkerung 
stellt ein anthropologisch schier unanalysierbares Konglomerat dar, zu 
dem auch die semitische Rasse einen Einschlag gegeben haben soll). 

In Abessynien ist die progressive Paralyse trotz enormer Verbreitung 
(80"0°/o'.) der Lues unbekannt (Goltzinge r 7 ). Das Delirium tremens hingegen 



') Masaryk, „Der Selbstmord," Wien 1881. 

2 ) Gaupp, „Über den Selbstmord", München, 1905. 

8 ) Pilcz, Jahrbücher für Psychiatrie etc., Bd. XXVI, 1905, p. 294. „Zur Lehre 
vom Selbstmord." 

{ ) Singer, „Allgemeine und spezielle Krankheitslehre der Juden," Leipzig 1905. 

6 ) Trusen, „Die Sitten, Gebräuche und Krankheiten der alten Hebräer," Breslau 1853. 

e ) Busch an 1. c. 

') Goltzinger, „Geistesstörungen in Abessynien". Obosren. psychiatr. (ref. in 
Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. LV, 1898, p. 240. Zit.) 



— 32 — 

sei, entsprechend der starken Alkoholseuche, recht häufig (Pauli tschke). 1 ) 
Immerhin sah Holtzinger 2 ) unter 13000 Kranken überhaupt nur 12 Fälle 
von Psychosen und darunter weder Paralyse noch eine alkoholische 
Geistesstörung. Selbstmord wird nur selten beobachtet. 

Mongolische Rasse. 

Am besten sind wir instruiert über die Geistesstörungen bei den 
Japanern. 

Nach Sakaki 3 ) 4 ) überwiegen manische Zustandsbilder weitaus über 
die depressiven. Auffallend ist der geringe Prozentsatz (2°/ ) von Para- 
lytikern unter den Gesamtaufnahmen. Auch Grimm 5 ) hebt hervor, daß 
trotz verbreiteter Lues Tabes und progressive Paralyse in Japan sehr 
selten seien. Sakaki erwähnt auch speziell die Seltenheit des typischen 
Alkoholdeliriums, trotzdem das Getränk Sake, mit dem gewohnheits- 
mäßiger Mißbrauch getrieben wird, sehr alkoholreich ist. (Vrgl. die 
analogen Angaben bezüglich der Neger.) Das Gros der alkoholischen 
Geistesstörungen bildet in den Tabellen Sakakis die „Alkoholische Manie" 
(Mania transitoria e potu, pathologischer Rauschzustand?). Auch Wernich 6 ) 
bemerkt, daß, obwohl die Gewohnheitssäufer nicht so selten seien, man 
nicht dieselben deletären Wirkungen sehe wie bei unseren Branntwein- 
trinkern. Wernich, der nebenbei interessante Angaben über die 
hochentwickelte differenzierende Terminologie der japanischen älteren 
Psychiatrie bringt, erwähnt auch, daß die akuten Psychosen starke Tendenz 
zu raschem Übergang in sekundäre Abschwächung zeigen. Der chronische 
Opiummißbrauch mit seinen Folgeerscheinungen, der bei den Chinesen 
sehr verbreitet ist. kommt in Japan nicht vor. Interessante Aufschlüsse 
über die Geschichte der Psychiatrie in Japan geben Sakaki und be- 
sonders Sh. Eure.') Einer anderen Studie Sh. Kures & ) können wir ent- 
nehmen, daß die Selbstmordgefährlichkeit Geisteskranker in Japan bei- 
läufig dieselben Verhältnisse aufweist wie bei uns, d. h. in erster Linie 
ist die Melancholie zu nennen, dann kommt die Paranoia etc. Bemerkens- 



*) Paulitschke. zit. nach Holtzinger. 

2 ) Holtzinger (wohl identisch mit Goltzinger), Psychiatrisch neurologische 
Wochenschrift. 1900, p. 465 ff. „Psychische und Nervenkrankheiten in Abessynien." 

s ) Sakaki, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc., 1892, Bd. 48, p. 109. „ Er- 
läuterungen zu den statistischen Tabellen aus der städtischen Irrenanstalt zu Tokio.'' 

4 ) Sakaki, ibid. 1884, Bd. 42, p. 144. „Über das Irrenwesen in Japan." (51. Ver- 
sammlung des psychiatr. Vereines, Berlin.) 

5 ) Grimm, Ärztliche Beobachtungen auf Yezo." 1900. Berlin. 

6 j Wernich, Geographisch-medizinische Studien nach den Erlebnissen einer Reise 
um die Erde." Berlin 1x78. 

') Sh. Kare, Jahrbücher f. Psychiatrie etc., Bd. XXIII, p. 1. „Geschichte der Psych- 
iatrie in Japan." 

8 ) Sh. Kure, ibid., Bd. XVII., p. 271. „Über Selbstmord und Selbstmordversuche 
bei Geisteskranken " 



— 33 — 

wert ist das Überwiegen weiblicher Individuen darum, weil überhaupt. 
im Gegensatz zu den europäischen Statistiken, der Selbstmord in Japan 
beim weiblichen Geschlechte häufiger ist. (Sh. Kure 1 ), Eguchi. 2 ) 

Bei den A'inos beschrieb Sakaki 3 ) als „Imubacco" eine endemische 
Form psychischer Störung, die sich durchaus analog dem „Latah" dar- 
stellt (viele d.). Sakaki hebt die schwere Degenerescence mentale der A'inos 
hervor (bedingt durch unmäßigen Potus und KonsanguinitätJ. 

Eine interessante Erscheinungsform hysterischer Psychosen stellen 
die verschiedenen Formen des Besessenheitswahnes dar, wobei entsprechend 
dem Volksaberglauben besonders der Fuchs (Kitsune-tsüki), dann der 
Dachs (tamuki-) und der Hund (Iuu-) eine Rolle spielen. Zumeist werden 
weibliche Individuen von dem Wahne befallen, daß eines dieser Tiere 
in sie gekrochen sei ; die Kranken imitieren deren Gewohnheiten, heulen 
u. s w. (Recht drastisch wirkt die Schilderung der Exorzismuszeremonien 
in den Schilderungen von Sh. Kure 4 ), Seheube 5 ) u.a.) Rekonvaleszenz 
nach erschöpfenden fieberhaften Krankheiten erhöht die Disposition zu 
diesen Zuständen. (Bar et 6 ), Baelz 7 ), etc.) 

Viel dürftiger sind die vorliegenden Berichte über Geistesstörungen 
bei den Ch inesen. Roß 8 ) erwähnt beiläufig, daß die in New-South- Wales 
wohnenden (eingewanderten) Chinesen relativ selten an Psychosen erkranken, 
im Verhältnis zur übrigen nicht autochthonen Bevölkerung, und daß er 
bei denselben keine alkoholischen Psychosen beobachtete. Nach Wilkins 9 ) 
untei-schieden sich die Psychosen der Chinesen nicht von denen der Europäer, 
nur wären sie bei Ersteren weniger häufig. Auch bei den Chinesen stellen 
weibliche Individuen zum Selbstmord das größere Kontingent (nach 
Matignan 10 ). 

Der Suicid scheint überhaupt bei den Chinesen häutiger zu sein 
(Rasch, Browring 11 ). 



*) B. Kure, I . , „, ,r t.i ,.„„ n ~. 

' zit. nach Sh. Kure, Bd. XVII.. p. 271. 
-) Eguchi, J 

s ) Sakaki, Neurologia, 1902, 2. Heft, p. 7. „Über das Imubacco, eine dem Jumping 

etc nahe verwandte Neurose des Ainovolkes.' 

*) Sh Kure, 1. c. 

5 ) Seheube, Handbuch der Tropenkrankheiten. 2. Aufl. 

6 ) Baret, Annales medicopsychologiques, 1892, Bd. I, p. 453. „Sur un delire nevro- 
pathique avec dedoublement de la personnalite observeie en Japon, le „Kitsüne-tsüki" ou 

ossession par le renard." 

') Baelz, zit. bei Baret. 

s ) Koss, „Race and insanity in New-South-Wales, International medical congress 
of Australasia. Melbourne 1889. 

9 ) Wilkins, Diskussion zur Association of the medic. Super, of Amer. Institutes for 
the insanes American Journal of insanity 1886, October. 

10 j Matignan, Archives d'anthropologie criminelle 1897, p. 365. „Le suieide en Chine." 
") Browring, Kingdom and people of Siam, 1857, zit. bei Rasch, 1. c. (Virch. Arch.) 
Pilcz, Beiträge zur vergleichenden Rassen-Psychiatrie. 3 



84 — 

Die progressive Paralyse ist jedenfalls auch unter den Chinesen eine 
Seltenheit, trotz der Verbreitung der Lues und des Vorkommens von Hirn- 
syphilis. Dies sagt z. B. Grieve 1 ) von den Chinesen in Br.-Guyana. 
Unter sämtlichen chinesischen Patienten in New-South- Wales beobachtete 
Manning 2 ) keinen einzigen Fall von progressiver Paralyse. Gilmore 
Ellis 3 ) sah unter 134 chinesischen Patienten nur zwei Fälle von dieser 
Krankheit (die obendrein diagnostisch unklar waren), Bauer 4 ) sah einen 
einzigen Fall von progressiver Paralyse etc. Auch nach Scheube 5 J ist 
dieses Leiden außerordentlich selten, was um so bemerkenswerter ist, als z. B. 
Fälle syphilitischer Hemiplegien recht häufig zur Beobachtung gelangen. 

Der Alkoholismus spielt keine Bolle. Trotz reichlichen Opiummiß- 
brauches beobachtete Ellis 3 ) bei den chinesischen Pfleglingen in Singapore 
keine Opiumpsychosen; Donald 7 ) welcher ebenfalls den abusus opii der 
Chinesen berührt, meint, daß die zahlreichen Fälle von Epilepsie und 
epileptischen Psychosen, die er unter den chinesischen Geisteskranken 
fand (in Br.-Guyana), nicht auf Rechnung des Opiummißbrauches gesetzt 
werden könnten, da diese Formen bei den indischen Kulis, welche das- 
selbe Narkotikum im Übermaß gebrauchen, nicht so häufig seien. Die 
Häufigkeit der Epilepsie und Hysterie bei den Chinesen (in Südchina) 
hebt auch Wi tt e n b e r g 8 ) hervor. Das Opium wird übrigens von den 
Chinesen meist geraucht (in Form der „Tschandu"-Präparate. (Rho 9 ). 
Über die Psychosen bei anderen mongolischen Rassen besitzen wir 
noch weniger verwertbares Material. Eine in Sibirien endemische Form 
psychischer Störung führt den Namen „Miriachit" 10 ). Diese und ähnliche 
Zustände der Lappen 11 ) finden unter „Latah'' der Malaien noch Erwähnung. 
Bei den Katschinzen (in Sibirien) beschrieb Pallas 12 ) eine Art menstru- 



') Grieve, British medical Journal 1881, II, p. 905. „The etiology of general paralyse. 1 ^ 

ä ) Manning, Journal of mental science, 1889, p 125, April. „Nationality and insanity 
in Australian aborigines." (Intercolon. medical congress, Melbourne, January, 1888.) 

8 ) Gilmore Ellis, 1. c. (ref. von Rasch, Neur. Zentralbl. i. 

') Bauer, zit. nach Brero, Bd. 55. 

6 ) Scheube, Archiv für Tropen- und Schiffshygiene, 1902, Bd. VI, p. 147 ff. „Die 
venerischen Krankheiten in den warmen Ländern. 1 ' 

6 ) Ellis, 1. c. (vide später). 

7 ) Donald, Journal of mental science, April 1876, „Notes ou lunacy in British 
Guyana. 1 " 

8 ) Wittenberg, Archiv für Schiff- und Tropenhygiene, 1900, Bd. IV, p. 1. Ärzt- 
liche Erfahrungen aus Südchina. " 

") Eho, Handbuch etc. 

10 ) Hammond, La medicina coutemporanea, 1884, p. 120. „Myriachit, nuova malattia 
del systema nervoso" und British medical Journal, 1884, I, p. 758, ,.Myriachit, a newly 
described disease of the nervous System and its analogues." 

") Högström, zit. nach Bastian. „Der Mensch." 1860, p. 562. 

I2 ) Pallas, Reise durch die verschiedenen Provinzen des russischen Reiches, 1771 
St. Petersburg (zit. bei Bartels und Buschan). 

") Tokarski, „Meriachit etc." (Ref. Neurolog. Centralblatt, Bd. IX. pag. 662.) 



35 — 

eilen Irreseins. Nach demselben Autor kämen epileptoide Erregungszustände 
bei den Samojeden, Tungusen etc. zur Beobachtung; ferner unter dem 
Einflüsse plötzlichen Schreckes, sinnlose Wutanfälle, -welche der Beschreibung 
nach, durchaus dem Amok der Malayen ähneln. (Bartels 1 .) 

Malaiische Rasse. 

Hauptsächlich durch Brero 8 ) und Kraepelin 3 ) ist uns über das 
Irresein der malaiischen Rasse ziemlich viel bekannt. 

Interesse beanspruchen vor allem zwei häufige Formen psychischer 
Alienation, die vielfach — wenn auch mit Unrecht — für der malaiischen 
Rasse spezifisch betrachtet wurden, das Amok und Latah. Die Schilde- 
rungen über das „Amoklaufen'' („meng amok") lauten bekanntlich dahin, daß 
das betreffende Individuum meist ohne längere Prodromi plötzlich eine 
Waffe ergreift (gewöhnlich den malaiischen Kris) und nun blindwütend 
umherjagend jede ihm begegnende Person niedersticht. In anderen Fällen 
geht dem Amok ein mehrere Tage bis Wochen (Scheube 4 ) währender 
depressiver Zustand voraus, in welchem die Kranken finster brütend sich 
von der Außenwelt zurückziehen. Unmittelbar vor dem Anfalle wird dem 
Kranken schwarz oder rot vor den Augen, worauf („mataglap" sagen die 
Eingebornen von diesem Zustand*) das Morden beginnt. Zuweilen be- 
schließt ein Suicid das grauenvolle Bild. Viele derartige Kranke wurden 
einfach niedergeschossen. In den Fällen, in welchen der Amokläufer 
lebend überwältigt und in Sicherheit gebracht werden konnte, kon- 
statierte man nach dem Anfalle, der Minuten bis Stunden währt und meist 
von soporähnlichem Schlafe gefolgt ist, nur höchst summarische Erinne- 
rung bis vollständige Amnesie, zuweilen schreckhafte Halluzinationen 
(Teufel, Tiere). Die Ähnlichkeit derartiger Zustände mit den Anfällen 
psychischer Epilepsie springt in die Augen (perakutes Einsetzen, kurze 
Dauer, blindwütende Agressivität, Amnesie) und wird auch von den meisten 
Autoren betont (Brero, Kraepelin, Hak Tuke 5 ), G. Ellis ü ) etc.) 

Kraepelin läßt übrigens auch die Möglichkeit offen, daß es sich 
hiebei um larvierte Malariatyposen handeln könnte oder um Katatoniker. 



') Bartels, zit. nach Brero (Handbuch etc.). 

2 ) v. Brero, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc., Bd. 55, p. 25. „Einiges über 
die Geisteskrankheiten der Bevölkerung' des malaiischen Archipels etc." 

3 ) Kraepelin, Zentralblatt für Nervenheilkunde etc., 1904, p. 433. „Vergleichende 
Psychiatrie." 

3 ) Scheube, „Die Krankheiten der warmen Länder." Jena, 1900, p. 569, 575, 639. 

ö ) Hak Tuke, Diskussion zu G. Ellis. 

°) Gilmore Ellis, Journal of mental science, 1893, p. 325. „The amok ofthe malays." 

*) Befremdend für den Kenner der einschlägigen Literatur wirkt eine Bemerkung 
Däublers (Archiv f. Schiffs- und Tropenhygiene, Bd. I, p. 295. „Über die gegenwärtige 
Stellung der Tropenpathologie.") (p. 308) „....dann das Amoklaufen, ein maniakalischer 
Zustand, auch die Mataglap, eine Art Paranoia mit Gesichtstäuschungen." 

3* 



— 36 — 

Brero macht aufmerksam, daß der Zustand des echten Amok viel 
seltener sei, als man gewöhnlich annimmt, speziell trete er nicht endemisch 
auf, wie Rasch 1 ) meint; Amok zeige sich bei Epilepsie, periodischer Manie, 
Schwachsinnsformen, aber auch selbständig bei vielen Minderwertigen. 
Ch airmann 2 ) untersuchte einen angeblichen Amokläufer, wobei 
sich herausstellte, daß der Kranke infolge von Gehörstäuschungen bei 
völlig klarem Sensorium seine Mordtaten verübt hatte. 

Blandford 3 ) beobachtete derartige Zustände bei Kulis infolge Miß- 
brauchs von Bhang (eines Hanfpräparats); Bartels 4 ) bei den Jakuten 
und Samojeden ; es ist dies um so bemerkenswerter, als es zeigt, daß entgegen 
der Anschauung von Rasch, Burg 5 ) u. a. Amok nicht spezifisch für die 
malaiische Rasse ist. Auch Hak Tuke und Ireland G ) messen dem Can- 
nabis indica eine ätiologische Bedeutung für den Amok bei. Die meisten 
Fälle von Amok betrafen Biänner. 

Eine andere interessante Form stellt das Latah dar, welches Brero') 
als .,hereditäre zerebrale Neurose" definiert, „wobei nach Provokation 
Echokinesie, Echolalie und Koprolalie entsteht." Eine spätere Definition 
desselben Autors lautet: ., Latah ist eine funktionelle, paroxysmatisch auf- 
tretende und meist von einem Schreckaffekt eingeleitete Nervenkrankheit, 
bei welcher auf imperatorischem Wege, und zwar gegen den Willen und 
trotz lebhaften Uni ustgef übles des Kranken, Bewegungen (Handlungen und 
Laute) zur Ausführung gebracht werden." Durch Berührung oder unter 
der Einwirkung eines plötzlichen Schreckens geraten manche Individuen 
(hauptsächlich Weiber) in einen Zustand, in dem sie — bei erhaltenem 
Sensorium, vielfach ganz gegen den eigenen Willen - - alles nachahmen 
und nachsprechen müssen, was ihnen vorgemacht bezw. vorgesprochen 
wird; auch Züge typischer Koprolalie zeigen sich. Gilmore Ellis s ) 
will Letzteres als Art psychischer Epilepsie aufgefaßt wissen, während er 
für die erstere Erscheinung die Erklärung hypnotischer Suggestion heran- 
zieht. Tuke 3 ) betrachtet das Latah als religiöse Hysterie, wogegen 
Gr. Ellis, gewiß mit Recht, polemisiert; Rasch 10 ) spricht gleichfalls von 

1 ) Rasch, Neurologisches Zentralblatt, 1894, p. 550. „Über Amok." 

2 ) Chairmanu, Diskussion zu G. Ellis. 
■'') Blandford, Diskussion zu G. Ellis. 

4 ) Bartels, zit. bei Brero (Handbuch etc.). 

5 ) Burg, zit. bei Brero, 1. c. 

ü ) Ireland. 1. c. 1893, Bd II, p. G30. 

') v. Brero, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc., 1895, Bd. öl, p. 939. Über 
das sogenannte .Latah", eine in Niederländisch Ostindien vorkommende Neurose" und 
Handbuch der Tropenkrankheiten etc. 

8 ) Gilmore Ellis, Journal of mental science, 1897, p. 32. „Latah, a mental ma- 
lady of the malays." 

9 ) Tuke, Dictionnary of psycholog. medicin. 

10 ) Rasch, Neurologisches Zentralblatt, 1895, p. 850, „Über die Latahkrankheit der 
Malaien." 



— 37 

einer Art „suggestiver Beeinflussung oder imitativer Wirkung der Sug- 
gestion". Das Latah ist auch keineswegs spezifisch für die Malaien. Die 
meisten Autoren heben die Übereinstimmung hervor, die zwischen dem 
Latah der Malaien und dem Miryachit (Sibirien), Yumping (nord- 
amerikanische Indianer), Mali-mali (der Tagalen auf Maila), Baxi 
(Bangkong) Yaun (Birma) u. s. w. besteht. (Außer den genannten Au- 
toren noch Hammond 1 ), Mickle 3 ), Cooke 3 ), Rho 1 ) u. a.) Auch 
bei den Lappen wurden ähnliche Zustände beobachtet (Högström). 

Es ist aber nun erwähnenswert, daß die klassischen Neurosen Epi- 
lepsie und Hysterie an sich bei den Malaien recht selten zu sein scheinen. 
(Gilmore Ellis 5 ), Br er o, Mickle, Rasch 11 ) u.a.) Speziell bezüglich 
des Latah erwähnt Brero, daß er bei den betreffenden Kranken keinerlei 
Stigmen gefunden hat. Brero erwähnt außerdem eigenartiger, entschieden 
der „grande hysterie" zugehöriger Zustandsbilder, die in der Form eines 
Besessenheitswahnes auftreten (Shamanismus), und betont die Ähnlichkeit 
derselben mit analogen Zuständen bei den algierischen Beni-Aiussos, den 
indischen Fakieren etc. 

R a m i s i r a y 7 ) und L a s n e t s ) schilderten eine auf Madagaskar 
epidemisch auftretende, meist 14 — 25jährige weibliche Individuen befallende 
Tanzwut „Ramanajana" (i. e. „die nicht ruhig bleiben können"). 

Was die übrigen Psychosen anbetrifft, so ist wieder die enorme 
Seltenheit der progressiven Paralyse trotz starker Verbreitung der Lues 
höchst auffallend und wird von allen Autoren angegeben. (Rasch, 
Kraepelin, Gilmore Ellis, Brero") den Steinen u. a.) 

Die Megalomanie trete bei den Eingebornen mehr in den Vorder- 
grund als bei den Weißen und Mischlingen. (Brero 1899) Alkohol- 
mißbrauch und damit das Heer der alkoholischen Geistesstörungen ist den 
Malaien fremd. (Brero, Kraepelin, G. Ellis, Ludeking. 10 ) Psychosen 
s. str. infolge des Opiummißbrauchs werden auffallenderweise nicht 
beobachtet. 



»I i ' ■ I' 1 * ■ 1 

> Diskussion zu G. Ellis, Journal of mental science, 1890, p. 209. 
;ooke, J 



') Hammond, 1. c. 

2 ) Mickle, 

3 ) Co 

4 ) Rho, „Malattie predomin. nei paesi caldi e temperati", Turin 1897 (ref. Archiv 
für Schiffs- und Tropenhygiene, Bd. II, p. 261). 

5 ) Gilmore Ellis, Annual medical report on the civil hospitals of the Straits- 
settlements, 1891 (ausführlich ref. von Rasch, Neurolog. Zentralblatt, 1893, Nr. 2). 

6 ) Rasch, Virchow-Archiv, Bd. 140, p. 327. „Über das Klima und die Krankheiten 
im Königreich Siam", p. 380. 

') Ramisiray, These de Paris, 1901. „Ramauajana, Manie dansante etc." 

Idem, Gazette hebdomad. de medec, 1901, p. 802. 
3 ) Lasnet, Annales d'hygii-ne et me'dec. coloniales (ref. Psychiatr.-neurologische 
Wochenschrift, 1900, p. 440. 

9 ) Brero, „Dementia paralytica in Neederl. Ostindien. " Psychiatr. en neurol. Bladen 
1899, p. 344 (ref. Psych. Wochenschrift, 1900, p. 440). 

10 ) Ludeking, Geneskundige Topographie von Agam, 18G7, p. 108. 



— 38 

Depressive Zustandsbilder sind recht selten ; ( B r e r o sah nie eine Melan- 
cholie.) der Selbstmord wird kaum je beobachtet. 1 ) Manische Zustandsbüder 
dagegen werden häufig angetroffen; auch bei der „Amentia". die nach Br ero 
die häufigste Krankheitsform der Malaien ist, zeigen sich Züge der Exal 
tation, wahrend sie, falls sie in einen sekundären Zustand übergeht, das 
Bild der apathischen Demenz darbietet. Ungemein häufig sei die periodi- 
sche Manie. Vom Standpunkt gewisser Heilversuche ist besonders interes- 
sant, daß Brero auch bei den malaiischen Geisteskranken die Beobachtung 
von dem günstigen Einflüsse akuter fieberhafter Infektionen 
auf eine bestehende Psychose machen konnte. Kraepelin fand 
auch bei den Malaien Fälle von Dementia praecox; speziell betreffs der 
Katatonien bemerkt er, daß dieselben in ihrer Symptomatologie im Ver- 
hältniss zu unseren Fällen sich recht dürftig darstellen. 

Über eine eigenartige epidemisch auftretende periodische Tobsucht 
unter den Frauen von Mittel-Sumatra berichtet v. Hasfels 2 ). (Säki-si- 
djoendai.) Buschan (1. c.) führt noch zwei andere Formen malaiischer 
Psychosen an, Säki-si-mabou-boengo und Säki giloe, ohne nähere Be- 
schreibung. Brero erwähnt das Vorkommen konträrer Sexualempfindung 
auf Java, Rencurel 3 ) der „Sarimbavy" auf Madagaskar („invertis 
asexues") Endlich verdient eine eigenartige Zwangsvorstellung (Koro) notiert 
zu werden, des Inhalts, daß der Penis in die Bauchhöhle zurückschlüpfen 
und so den Tod des Individuums hervorrufen könne. (Blonk. i ) 

a ) Dies geben wenigstens Rusch, Brero und Kraepelin an; nach »Steinmetz 3 ) 
aber wäre der Selbstmord auf dem Archipel recht häutig (1. c ). 

2 ) v. Hasfels (zit. nach Brero, Bd. 55.) 

3 ) Eencurel, Annales d'hygiene et de medecine navale, 1900, Nr. 4. 

*) Blonk, zit. bei Brero, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc., 1S97, Bd. 53, 
p. 569. „Koro, eine eigentümliche Zwangsvorstellung." 

s ) Steinmetz, Amerikan. Authropologist, 1894, Jan. „Suicid among primitive peoples." 

6 ) Hey mann, „Versuch einer Darstellung der Krankheiten in den Tropenländern. " 
Würzburg 1855, p. 14. „Über Amok" (zit. nach Easch). 

') Virchow, Verhandlungen der Berliner anthropologischen Gesellschaft, 1891, 
p. 838, T. XXIII. „Die wilden Eingebornen von Malacca." 

. 6 ) Browne, Provinc. med. Journal Sidney. 1887, zit. bei G. Ellis, 1897. „Latah." 

9 ) Bartels, „Medizin der Naturvölker." Leipzig 1893, p. 212 (Kap. XII). „Geistes- 
krankheit und Epilepsie." 

10 ) Wilken, Handleidnig tot de vergleichkende Volkenkunde van Nederl. Ind. 1893 
(zit. bei Brero, Bd. 55). 

1 ') O'Brien, Journal of the straits etc. Singapore, Juni 1883. 

l! ) Kohlbrugge, r Die Krankheiten des Bergvolkes auf der Insel Java." Archives 
internation. pour l'histoire de la medecine, 1897 (ref. Archiv f. Schiffs- u. Tropenhygiene, 
Bd. II, p. 242.) 

13 ) Scheube, Eulenburgs mediziu. Realenzyklopädie, 3. Aufl., Bd. XIII. p. 283. Latah." 

14 ) Rasch, „Zur geographischen Pathologie Siams." Janus 1897. I. März (ref. Archiv 
f. Schiffshygiene, Bd. II, p. 303). 

15 ) Gimlette, British medical Journal 1897, II, pag. 455. „Remarks on the etiology, 
Symptoms and treatment of Latah etc." 

16 ) Voustmann, „Koro" cit. in Schenbe's Handbuch. 



— 39 

Brero 1 ) erwähnt die auffallende Seltenheit des Vorkommens von 
Othaematom und Dekubitus. Ich möchte dafür als die einfachste Erklä- 
rung die Seltenheit der progressiven Paralyse heranziehen (vgl. speziell 
über Dekubitusbildung die Bemerkungen d. Verf. über Blutdruckmessun- 
gen bei Geisteskranken 2 ). 

Indianer von Amerika. 

Ungemein dürftig sind unsere Kenntnisse über die Geistesstörungen 
bei den Indianern. Nicht einmal über den Punkt herrscht Klarheit, ob 
Irresein bei denselben häufig ist oder nicht. Ersteres behaupten z. B. 
Saurel 3 ) und Rosse 4 ) (betreffs der Indianer von Südamerika), letzteres 
Buttler 5 ) und Lake ) (betreffs der Rothäute von Nordamerika). (Bei 
Buschan fand ich die Notiz: „Ed egualmente Coindet nota la frequenza 
di psicosi fra gli aborigeni del Messico", während ich einem Referat 
über Coindet & Cavaroz 7 ) „Irresein in Mexiko'" die Bemerkung 
entnahm, daß Irresein bei den Indianern nicht vorkomme.) Nach Holder*) 
wäre bei den Sioux Epilepsie und Hysterie sehr häufig (auch die Dämmer- 
zustände), während die akuten Psychosen sich nur selten vorfänden. 
Rebourgeon 9 ) wieder behauptet, Hysterie nur selten angetroffen zu 
haben. Bemerkenswert ist die Angabe Busch ans 1 "), daß der sehr ver- 
breitete Alkoholmißbrauch bei den Rothäuten häufiger zu Epilepsie als 
zu Delirium tremens führt; in diesem Sinne sprechen sich auch 
Havelock Ellis und Kahl 11 ) aus. Der bei den Indianern Perus übliche 
chronische Cocamißbrauch führt abgesehen von anderen nervös-soma- 
tischen Störungen, Zustände geistiger Verwirrtheit herbei, Delirien mit 
Tobsuchtsanfällen, Sinnestäuschungen verschiedener Art. (Rho. 1 -) 

Der Selbstmord ist bei den Indianern Nordamerikas eine häufige 
Erscheinung, weniger bei denen Südamerikas. (Steinmetz. 13 )) 



J ) Brero, Menses Handbuch der Tropenkrankheiten, 1905, I. T. „Die Nerven- und 
Geisteskrankheiten in den Tropen", p. 210 — 236. 

2 ) Pilcz, Wiener Klinische Wochenschrift, 1900, Nr. 12. „Über Ergebnisse von 
Blutdruckmessungen bei Geisteskranken." 

') Saurel, I 

') Rosse J zit. bei Buschan. 

5 ) Battier,) 

6 ) Lake, Transactions New-York medieal Soc, 1902. „The civilized Indian 1 etc. 
zit. bei White. 

') Coindet & Cavaroz, (ref. Allgemeine Zeitschrift für Phsychiatrie etc., 1867, 
Bd. XXIV, p. 159). 

8 ) Holder, New-York medieal Record., 1892, 17., 24. Sept. (ref. Lancet, 1892, 
Bd. II, p. 947). 

9 ) Rebourgeon, zit. nach Buschan. 

1{1 ) Buschan, Jahresversammlung des Vereines Deutscher Irrenärzte zu Dresden, 
21. bis 22. September 1894. „Einfluß der Rasse auf die Häufigkeit und die Form der 
Geistes- und Nervenkrankheiten." 

") Kahl, zit. nach Buschan. 

12 ) Rho, in Menses Handbuch etc., 1. c. 

13 ) Steinmetz, American anthropologist, 1894, Jan. „Suicide among primitive peoples." 



— 40 

Über die bei den nordainerikanischen Indianern häufig vorkommende 
eigentümliche „Yumping-Krankheit" vide das über ,,Latah" der Malayen 
berichtete; als einzige Differenz gegenüber Latah ist das Überwiegen 
männlicher „Yumper" hervorzuheben. (Beard 1 ) 

Der Vollständigkeit halber sei hier noch eine Angabe Reys zitiert 3 ) 
über Geistesstörungen in Brasilien. Freilich geht aus seinen Tabellen nicht 
hervor, wie auf die einzelnen Rassen daselbst sich die verschiedenen 
Formen verteilen. Die Manien überwiegen beträchtlich die Melancholien. 
Progressive Paralyse und Alkoholpsychosen seien selten. Die „Hypoemie, 
tropique" bedingt durch Anchylostum. duodenale (Opilacao) führe gelegent- 
lich zu schweren Depressionszuständen und Selbstmord. (Mello Br andao. 3 ). 

Geistesstörungen bei den Negern. 

Iu übereinstimmender Weise geben die Autoren an, daß Irresein 
bei den Negern, welche unter den europäischen Kulturbedingungen ähnliche 
Verhältnisse versetzt sind, ungleich häufiger zu konstatieren ist als bei 
denen, welche unter einfacheren Lebensbedingungen und einem primiti- 
veren Milieu leben. Am besten bekannt und am deutlichsten zeigte sich 
dieser Unterschied bei den Negern der amerikanischen Freistaaten, speziell 
während und nach der Epoche des Sklavenbefreiungskrieges. Freilich wies 
Ja r vis 4 ) nach, daß die ungeheure Differenz von etwa 1:11 (Neger in 
der Sklaverei gegenüber Negern in den Nordstaaten) doch zu hoch ge- 
griffen sei und auf Fehlern der offiziellen Statistik beruhe. Das rapide 
Ansteigen von Geistesstörungen seit der Emanzipation betonen u. a. 
Witmer 5 ), Buschan 6 ), Topinard 7 ), Galt 8 ), Hall 9 ). 

Was die einzelnen klinischen Formen betrifft, so wären melancholische 



V) Beard, Journal of nervous and mental disease, 1880, p. 487. 

2 ) Rey, 1. c. 1879. 

3 ) Hello Brand ao, Rivista medica die Janairo. 1876, (zit. bei Rey, ibid.). 
White. Journal of nervous and mental diseases, 1903, p. 257. „Geographica! 

ilistribition of insanity in the united states." 

Rothschuh, Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene, Bd. II, p. 69. „Tropenmedizini- 
sche Erfahrungen aus Nicaragua." (Diese Arbeit sei hier der Vollständigkeit halber zitiert; 
doch geht nicht hervor, auf welche Rasse sich die einzelnen Beobachtungen (Seltenheit der 
Paralyse etc.) beziehen. Die Bevölkerung enthalte 20°/ o Indianer, 2% Weiße, wenige Chinesen, 
der Rest sind Mischlinge.) 

4 ) Jarvis, American Journal of medical science, 1844, January. „Insanity among 
the coloured population of the free states." 

5 ) Witmer, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, 1891. „Geisteskrankheit bei der 
farbigen Rasse in den Vereinigten Staaten." (Idem, Alienist and neurologist 1891, January.) 

6 ) Bnchanan, L'union medicale 1886, 14. Aoüt. „La folie dans la race noire(" ref. 
Annal. med.-psych. 1886, p. 487, T. 44). 

*) Topinard, zit. nach Buschan. 

8 ) Galt, Treatise on insanity (zit. bei Hall). 

9 ) Hall, Alienist and neurologist, 1903, p. 103. „Insanity in the negro." 



41 

Zustandsbilder sehr selten (Babcock 1 ), Spitzka 2 ) u. a.); dementsprechend 
ist ja auch der Selbstmord bei den Negern ungemein selten. (Bannister & 
Hectoen, Babcock, Weir 3 ) etc.) s ) Dagegen sollen manische Zustandsbilder 
ganz bedeutend überwiegen. Idiotie ist relativ häufig. (Godel, Buschan')"') 
Die progressive Paralyse, dieses Produkt der „Zivilasition und Syphilisa- 
tion" (V. Krafft-Ebing) fordert in der letzten Zeit auch unter den Negern 
immer mehr Opfer, ü ) während noch 1883 Roberts und 188G Powell 7 ) 
keinen einzigen derartigen Fall unter den Vollblutnegern finden konnte. 
Immerhin erscheint der Prozentsatz für Paralyse auch nach neueren 
amerikanischen Statistiken bei den Weißen doppelt so groß wie bei den 
Negern in New- York und 2ümal größer als bei denen in Südafrika. Nach 
Kiernan 8 ) sei die Paralyse bei den Negern überhaupt erst nach Aufhebung 
der Sklaverei aufgetreten. Ziemann 9 ) hat nie einen Fall von Paralyse 
unter den Negern in Kamerun gesehen, ebensowenig in Westindien und 
Venezuela, trotz enormer Verbreitung der Syphilis. Dasselbesagt Scheube 10 ) 
gestützt auf reiche persönliche Erfahrung und die Ergebnisse zahlreicher 
Umfragen. Auch Munoz 11 ) betont die relative Seltenheit dieser Psychose 
bei den Negern und bringt die interessante, aber vereinzelt dastehende 
Beobachtung, daß bei denselben die Fälle weiblicher Paralysen überwiegen. 
Von klinischem Interesse isst, daß die typische Megalomanie bei den 
Negern weniger ausgesprochen sei als bei den WeißeD. (Witmer, 
B u seh an.) 

Die Hysterie findet sich recht häufig (nach Busehan, der dafür 
mehrere Autoren zitiert) und zwar sowohl bei den Negern im Urzustände 
wie bei den ,, Zivilisierten". Psychische Epilepsie berechnet da Rocha 12 ) 
mit 10-5%. 



') Babcock, The Alienist and neurologist, 1895, October. „The coloured insane. 1 " 

-) Spitzka, 1. c. (6. 37°/o)- 

s ) Weir, Medical record, 1895. „Suicide in the united states." 

4 ) Godel, Bulletins de la societu d'anthropologie, 1892, p, 189. 

5 ) Busehan, Zur Pathologie der Neger (ref. Zentralblatt für Nervenheilkunde etc., 
1903, p. 642, und Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene, 1902, p. 331). 

') Berkley, John Hopkins hospital bullet., 1893, p. 34. „Dementia paralytica in 
the negro." 

') Roberts, Powell, zit. nach Babcock. 

s ) Kiernan, Journal of nervous and mental diseases. 1885, p. 290. „Insanity 
among the negros." 

9 ) Ziemann, ibid. 1902, p. 271, Bd. VI. „Beiträge zur Pathologie der warmen Länder 
mit besonderer Berücksichtigung der Cap-Verdischen Inseln." 

10 ) Scheube, Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene etc. 

n ) Munoz, Annales mijdico-psycholog., 1860, Bd. I, p. 188. „Quelques mots sur la 
demence paralytique observee ä l'ile de Cuba." 

12 ) da Roeha, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie etc., 1898, p. 133. „Bemerkungen 
übor das Vorkommen des Irreseins bei den Negern." 

*) Nur Pruner (1. c.) meint, daß die Neger in Ägypten häufig Hand an sich legen. 



— 42 — 

Das typisch zirkuläre Irresein scheint seltener zu sein (Drewry 1 ); 
Peixoto-') zählte in sämtlichen Fällen „manisch-depressiven" Irreseins 
in Rio de Janairo 19% Neger), während die periodische Manie wieder 
häutiger ist (nach da Rocha 17'5% aller Negerpsychosen). 

Sehr bemerkenswert ist. daß alkoholische Geistesstörungen trotz der 
enormen Trunksucht, welche zu Lebercirrhose etc. führt, sehr selten zu sein 
scheinen (da Rocha, Buschan; Orgeas 3 ) erwähnt nur einen Fall von 
Delirium tremens). Nur Rey 4 ) sah bei den Negern Brasiliens viele 
Alkoholpsychosen. Erwähnenswert ist ferner, wie Kiernan berichtet, daß 
die degenerativen Typen der Psychosen bei den Negern viel weniger häufig 
zur Beobachtung gelangen. Hall will die impulsiv verübten sexuellen 
Delikte und namentlich die sadistischen Akte der Neger in Analogie zu dem 
„Amok 1 ' der Malayen bringen und weist dabei auf die sonst geradezu 
„sprichwörtliche" Anhänglichkeit der Neger hin. welche sie gegenüber der 
Familie der Weißen bekunden. 

Über die Geistesstörunden bei den Hottentotten und Kaffern 
geben die Abhandlungen von G reenlees 5 ) 6 ) Aufschluß. Die Hottentotten 
sind viel mehr zu Psychosen disponiert, als die Kaffern. Die progressive Para- 
lyse unter den farbigen Einwohnern der Kapkolonie ist so gut wie un- 
bekannt. Von allen Geistesstörungen ist die „Manie" mit 67°/o vertreten, 
während unter 473 Aufnahmen nur 31 Fälle von Melancholie vorkamen, 
darunter ein einziger Kasus mit Suicidtendenz. Unter den ätiologischen 
Faktoren ist besonders Alkohol und das Rauchen von Dagga (ähnlich dem 
indischen Hanf) anzuschuldigen. 

Australneger. 

Detailliertere Studien über Geistesstörungen bei den Australnegern 
mangeln vollständig. Den wenigen vorliegenden Berichten ist zu entnehmen, 
daß die progressive Paralyse bei diesen Volksstämmen fast nie vorkommt, 

') Drewry, Journal of mental and nervous diseases, 1895, Nr. 4, p. 223. „Circular 
insanity. Eeport of three cases." 

-) Peixoto Afranio, 1904, Nr. 28. A medicina conteraporan. „A locura maniaco- 
depressiva" (zit nach Brero, Handbuch etc.i. 

a ) Orgeas. These de Paris, 1886. 

4 ) Key, 1. c. 

Santelli, ibid. 1893, p. 479. 

Boudin, Annales d'hygiene de Paris, 1860, Bd. XIII, p. 310 ff. 

Havelock Ellis, Man and woman, 1894, p. 223 (zit. nach Buschan). 

Rey, New-York medical Record, 1888, 14. July. 

Rufz, Annales d'hygiene publ. Paris, 1856, Bd. II, p. 425. 

Andr. Judson, American Journal of insanity, 1887, p. 192. 

5 ) Greenlees, Journal of mental science, 1895. p. 71. , Insanity among the natives 
of South- Afrika." 

ü j Greenlees, American Journal of insanity, 1894, p 519. „A contribution to the 
statistics of insanity in Cap colony." 



43 

(Manning 1 ,), Ross-), Scheube. 3 ) — (Nur bei Urguhart 3 ) heißt es 
ganz allgemein, daß er in den australischen Irrenanstalten viele Fälle von 
Paralysis gesehen, ohne daß aber gesagt wäre, ob sieh diese Beobachtung auf 
Eingeborne oder eingewanderte Europäer beziehe) — daß die Polynesier 
ein relativ größeres Kontingent zum Irresein stellen (den Steinen 5 ), 
Gunn°), daß die Exaltationszustände („Manien") die Melancholien an 
Frequenz übertreffen, daß der Selbstmord ungeheuer selten sei (Dawson 7 ), 
Urguhart) und daß die Zahl der Geistesstörungen durch Bekanntwerden 
mit europäischen und indischen „Kulturprodukten* (Alkohol und Cannabis 
indica) stetig ansteige (Barnes s ), während bei den Australnegern im Ur- 
zustand Irresein fast nie beobachtet werden kann. (Curr 9 ), Dawson, 
Boudin 10 )etc). Die Prognose der akuten Psychose sei (nach Manning) 
sehr ungünstig. Bartels 11 ) erwähnt kurz Melancholien bei den Austral- 
negern. 

Alle die hier angeführten Daten und Berichte zusammenfassend, dürfen 
wir vielleicht folgendes sagen : 

Die skandinavisch-germanischen Stämme zeigen die größte Neigung 
zu Depressionszuständen; bei ihnen wird auch Selbstmord am häufigsten 
beobachtet. 

Zu den hereditär-degenerativen Geistesstörungen stellen die Juden 
im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung das größte Kontingent. 

Der Alkoholismus und die alkoholischen Geistesstörungen kommen 
vorzugsweise bei den europäischen Völkern vor. Unter diesen sind es 
wieder die Nordslawen und Germanen, unter denen die Alkoholpest am 
meisten wütet, während die Romanen sich mehr durch Mäßigkeit aus- 
zeichnen. Bei außereuropäischen Rassen scheint der Alkoholismus speziell 
quoad Psychosen nicht dieselben Folgen zu haben wie bei uns; namentlich 
das typische Delirium wird viel seltener angetroffen, auch dort, wo der 
Alkoholisnms eingeschleppt wurde. 



') Manning, 1. c. und „Insanity in Australian aborigines with a brief analysis of 
32 cases." International medical congress of Australasia. Melbourne 1889, p. 857. 

-) Ross, 1. u. (p. 849). 

s ) Scheube, Arch. f. Schiffshygiene etc. 

4 ) Urguhart, Journal of mental science, 1880, p. 4s0. „Three australian asylums." 

s ) d. Steinen, 1. c. (Arch. f. Psych.). 

6 ) Gunn. Journal of mental science, 1892, p. 477. 

') Dawson, Australian aborigines, p. 61 (nach Manning zitiert). 

s ) Barnes, „Notes on insanity in Br.-Guyana" (ref. Journal of mental science, 1892, 
July, p. 119. „The Br.-Guyana medical annual and hospital reports"). 

9 ) Curr, „The australian race." p. 208 (zit nach Manning). 

I0 ) Boudin, „Traite de geographie etc med." 1857, T. II, p. 297. „De l'alicnation 
mentale," 

») Bartels, 1. c, 



— 44 — 

Süchtige, d. h. Individuen, welche gewohnheitsmäßig' mit Narkotika 
Mißbrauch treiben, gibt es in allen Erdstrichen. Nur das Narkotikum selbst 
wechselt. Wo das Volksgift nicht der Alhohol ist, ersetzt ihn das Opium, 
der Haschisch, die Coca u. s. w. 

Endemisch und epidemisch auftretende hysterische Geistesstörungen, 
wie sie in früheren Zeiten in Europa bekannt waren, gibt es jetzt daselbst 
nicht oder kaum je sporadisch. Dergleichen treffen wir aber bei niederen 
Eassen an, welche überhaupt zur Hysterie und auch Epilepsie mehr dis- 
poniert erscheinen. 

Die progressive Paralyse stellt iu ihrer erschreckenden Häufigkeit 
eine traurige Spezialität Europas dar. Außerhalb Europas ist sie trotz 
stellenweise geradezu enormer Verbreitung der Syphilis sehr selten. Daß 
aber die „Zivilisation" als zweiter Faktor auch nicht zur Entscheidung 
ausreicht, zeigen die Japaner, bei welchen die Paralyse gleichfalls sehr 
selten ist. 



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